Bildung in der Ukraine: Warum Mykolaivs Erfahrung jetzt für Europa zählt
Das Interview mit Alla Velikhovska zeigt, wie Mykolaiv Bildung im Krieg neu organisiert: Sicherheit, Kinder, Lehrer und Wiederaufbau stehen im Zentrum.

Von Yusuf İnan | Wise News Press
Journalist und Autor | Politischer und strategischer Analyst
MYKOLAIV, UKRAINE — Das Interview mit Alla Velikhovska, Direktorin des Departments für Bildung und Wissenschaft der regionalen Militärverwaltung Mykolaiv, zeigt, dass Bildung in der Ukraine längst mehr ist als Unterricht, Lehrpläne und Schulgebäude.
Es geht um Sicherheit, um seelische Stabilität, um den Zusammenhalt von Familien, um Lehrer, die unter extremen Bedingungen weiterarbeiten, und um eine Generation von Kindern, deren Kindheit vom Krieg gezeichnet ist. Mykolaiv ist dabei nicht nur ein regionaler Fall. Die Region zeigt, wie ein Land versucht, seine Zukunft zu verteidigen, während es gleichzeitig sein Territorium verteidigt.
Schule als Infrastruktur der Widerstandskraft
Der wichtigste Eindruck aus dem Gespräch mit Velikhovska ist: In einer Frontregion ist Schule nicht mehr nur ein Ort des Lernens. Sie ist zu einer Infrastruktur der Widerstandskraft geworden.
Wenn Velikhovska als Prioritäten für das Schuljahr sichere Kindheit, friedlichen Himmel über der Ukraine und qualitativ gute Bildung nennt, klingt das zunächst wie eine einfache Formel. In Mykolaiv ist es aber eine sehr konkrete politische und pädagogische Realität. Ohne Schutzräume kann es keinen Präsenzunterricht geben. Ohne funktionierende Wege, Busse, Strom, Wasser und Kommunikation kann ein Schultag nicht zuverlässig geplant werden. Ohne psychologische Unterstützung können viele Kinder nicht einfach zur Normalität zurückkehren.
Früher war die Frage, ob eine Schule in Präsenz oder digital arbeitet, vor allem eine organisatorische Frage. Heute ist sie eine Sicherheitsfrage. Jede Entscheidung über Unterrichtsform, Stundenplan oder Rückkehr in die Klasse hängt von Luftalarm, Schutzräumen, Entfernung, Infrastruktur und elterlichem Vertrauen ab.
Das macht die Erfahrung von Mykolaiv so wichtig: Bildung im Krieg ist kein einzelnes Ressortproblem. Sie verbindet Katastrophenschutz, Sozialpolitik, Psychologie, Kommunalverwaltung und nationale Identität.
Lernverluste sind mehr als verpasster Stoff
Ein zweiter zentraler Punkt des Interviews ist das Thema Lernverluste. Velikhovska beschreibt nicht einfach Kinder, die ein paar Unterrichtseinheiten verpasst haben. Sie spricht von einer neuen Generation ukrainischer Schülerinnen und Schüler, für die Lehrerinnen und Lehrer täglich neue Methoden entwickeln müssen.
Das ist eine starke Beobachtung. Denn diese Kinder haben unter Bedingungen gelernt, für die es keine normalen Lehrbücher gibt: Evakuierung, Bombardierungen, Luftalarm, Stromausfälle, Unterricht aus dem Ausland, Leben in besetzten Gebieten, beschädigte Schulen und permanente Unsicherheit.
Besonders betroffen sind laut Velikhovska die exakten Wissenschaften, weil Mathematik, Physik und Chemie Kontinuität verlangen. Wer hier Grundlagen verliert, verliert nicht nur einzelne Themen, sondern oft auch das Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit.
Doch Lernverluste im Krieg sind nicht nur akademisch. Sie sind auch psychologisch. Kinder reagieren auf laute Geräusche, entwickeln Panikattacken, haben Sprachprobleme, Gedächtnisschwierigkeiten oder Probleme mit sozialer Integration. Ein herunterfallendes Buch kann für ein Kind, das Bombardierungen erlebt hat, ein Auslöser sein.
Deshalb reicht es nicht, nach dem Krieg einfach mehr Unterrichtsstunden anzusetzen. Die Ukraine braucht individuelle Lernpläne, Sommerprogramme, digitale Zentren, psychologische Unterstützung, Lehrerfortbildungen und langfristige Begleitung. Mykolaiv zeigt, dass Bildungserholung eine nationale Aufgabe ist.
Lehrer als stille Helden des Systems
Das Interview ist besonders stark, wenn es um Lehrer geht. Velikhovska erzählt von Pädagogen, die unter Besatzung weiterunterrichteten, von Lehrkräften, die im Hof nach Internetempfang suchten, von ukrainischen Schulbüchern, die unter Lebensgefahr benutzt wurden, und von Lehrerinnen, die nach der Befreiung Kinder wieder auf ihrem eigenen Grundstück versammelten.
Diese Beispiele erklären, warum der Lehrermangel in Mykolaiv nicht nur ein Personalproblem ist. Er ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit des Landes.
Viele Lehrer sind evakuiert, manche dienen freiwillig in den Streitkräften, andere haben sich in sichereren Regionen oder im Ausland ein neues Leben aufgebaut. Gleichzeitig sinkt das Interesse junger Menschen am Lehrerberuf. Frontnahe Gemeinden können oft keine attraktiven Zuschläge, Wohnungen oder sicheren Arbeitsbedingungen bieten.
Und doch ist gerade dort der Bedarf am größten.
Velikhovska spricht über mögliche Lösungen: Unterstützung durch Gemeinden, Dienstwohnungen, Einmalzahlungen, flexible Stundenpläne, Zusammenarbeit mit Universitäten und Modelle, bei denen Studierende schon während ihrer Ausbildung in Schulen arbeiten. Aber zwischen den Zeilen steht eine größere Botschaft: Die Ukraine braucht einen neuen gesellschaftlichen Vertrag mit ihren Lehrern.

Alla Borysivna Velikhovska ist Direktorin des Departements für Bildung und Wissenschaft der Regionalen Militärverwaltung Mykolajiw, Kandidatin der pädagogischen Wissenschaften und Dozentin.
Nach dem Krieg wird das Land nicht nur Brücken, Straßen und Gebäude wiederaufbauen müssen. Es muss auch den Respekt vor dem Lehrerberuf wiederaufbauen.
Kinder im Ausland dürfen nicht verloren gehen
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Situation ukrainischer Kinder im Ausland. Viele Kinder aus Mykolaiv lernen seit 2022 in anderen Ländern. Die entscheidende Frage lautet: Wie bleibt ihre Verbindung zur ukrainischen Schule erhalten, ohne sie durch doppelte Belastung zu überfordern?
Die von Velikhovska beschriebene Lösung ist pragmatisch. Kinder können im Schulsystem des Gastlandes lernen und zugleich ukrainische Fächer wie Sprache, Literatur, Geschichte, Geografie und Kunst belegen. Noten aus allgemeinen Fächern können in das ukrainische Zeugnis übernommen werden. So können Kinder am Ende sowohl einen Abschluss des Gastlandes als auch einen ukrainischen Abschluss erhalten.
Das ist mehr als Verwaltung. Es ist ein Versuch, die Bindung einer verstreuten Generation an die Ukraine zu bewahren.
Genauso wichtig ist die Rückkehr. Ein Kind, das nach zwei oder drei Jahren aus dem Ausland zurückkommt, darf sich in der eigenen Schule nicht fremd fühlen. Es braucht Anerkennung seiner bisherigen Leistungen, individuelle Lernpläne, sprachliche Unterstützung und eine Klasse, in der es nicht ausgegrenzt wird.
Hier entscheidet sich, ob Rückkehr wirklich möglich wird. Denn Rückkehr ist nicht nur eine geografische Bewegung. Sie ist auch eine pädagogische und psychologische Reintegration.
Inklusion als Maßstab für Menschlichkeit
Der Abschnitt über Kinder mit besonderen Bildungsbedürfnissen zeigt, dass Inklusion im Krieg nicht auf später verschoben werden darf. Nach den Angaben aus dem Interview werden in Mykolaiv mehr als 2.000 Kinder mit besonderen Bildungsbedürfnissen im inklusiven Unterricht betreut. Es gibt inklusive Gruppen in Kindergärten, inklusive Klassen in Schulen, spezielle Schulen, sonderpädagogische Gruppen und inklusive Ressourcenzentren.
Gerade im Krieg besteht die Gefahr, dass die Schwächsten zuerst unsichtbar werden. Wenn Busse fehlen, Schutzräume nicht barrierefrei sind, Assistenten fehlen oder Eltern überfordert sind, kann ein Kind mit besonderem Unterstützungsbedarf schnell aus dem System fallen.
Dass Mykolaiv trotz Krieg inklusive Klassen einrichtet, Fachkräfte fortbildet und mobile Hilfen mit Unterstützung von UNICEF organisiert, ist deshalb mehr als eine Verwaltungsleistung. Es ist ein moralischer Test für das Bildungssystem.
Eine Schule, die auch im Krieg für Kinder mit besonderen Bedürfnissen offenbleibt, verteidigt nicht nur Unterricht. Sie verteidigt die Idee gleicher Würde.
Berufsbildung als Grundlage des Wiederaufbaus
Im letzten Teil des Interviews verschiebt sich der Blick von der Schule der Gegenwart zur Wirtschaft der Zukunft. Velikhovska macht deutlich, dass Mykolaiv viele qualifizierte Arbeitskräfte brauchen wird: Bauarbeiter, Automechaniker, Agrarfachkräfte, Köche, Schweißer und andere Fachkräfte.
Das ist ein entscheidender Punkt. Wiederaufbau wird oft in der Sprache großer internationaler Konferenzen, Investitionsprogramme und Infrastrukturprojekte beschrieben. Aber am Ende beginnt Wiederaufbau mit Menschen, die bauen, reparieren, kochen, schweißen, Maschinen bedienen und Anlagen instand halten können.
Mykolaiv arbeitet bereits daran, die Berufsbildung auf diese Zukunft auszurichten. Es gibt moderne Trainingszentren, Kurzkurse für Erwachsene, Kooperationen mit Arbeitgebern und Programme für Menschen, die neue Qualifikationen brauchen. Besonders eindrücklich sind die Beispiele von Frauen, die als Traktorfahrerinnen ausgebildet wurden, von Bäckerinnen, die ein eigenes Geschäft eröffneten, oder von Familien, die nach Baukursen ein eigenes Gewerbe gründeten.
Das zeigt: Berufsbildung ist im Krieg kein zweiter Bildungsweg. Sie ist ein Kern des wirtschaftlichen Überlebens und des zukünftigen Wiederaufbaus.
Bildung als Form des Widerstands
Das gesamte Interview führt zu einer klaren Schlussfolgerung: Bildung in der Ukraine ist zu einer Form des Widerstands geworden.
Wenn Kinder nach Luftalarm weiterlernen, ist das Widerstand. Wenn Lehrer in besetzten Gebieten Unterricht halten, ist das Widerstand. Wenn Gemeinden zuerst die Schule wiederherstellen, ist das Widerstand. Wenn Kinder im Ausland ukrainische Geschichte lernen, ist das Widerstand. Wenn Berufsschulen Fachkräfte für den Wiederaufbau ausbilden, ist auch das Widerstand.
Mykolaiv spricht damit nicht nur über Mykolaiv. Die Region spricht über die Ukraine als Ganzes: über ein Land, das seine Kinder nicht auf eine Warteliste der Geschichte setzen will.
Die wichtigste Botschaft des Interviews lautet daher: Die ukrainische Schule wird nach dem Krieg nicht einfach zum Vorkriegsmodell zurückkehren. Sie wird sicherer, flexibler, digitaler, psychologisch sensibler, inklusiver und stärker mit Gemeinden und Wirtschaft verbunden sein müssen.
Dafür braucht es langfristige politische Entscheidungen, internationale Unterstützung, Investitionen in Schutzräume, digitale Infrastruktur, Lehrerbildung, psychologische Hilfe, Berufsbildung und Transport.
Die Erfahrung von Mykolaiv zeigt: Auch unter Beschuss kann Bildung mehr tun als überleben. Sie kann sich verändern. Genau deshalb ist diese Geschichte nicht nur für die Ukraine wichtig, sondern auch für Europa.
Yusuf İnan
WiseNewsPress.com
Yusuf İnan ist Journalist, Autor sowie politischer und strategischer Analyst. Er ist Chefredakteur von UAPresa.com, WiseNewsPress.com, SehitlerOlmez.com, SiyasetinSesi.com und YerelGundem.com. Seine Arbeit konzentriert sich auf strategische und politische Analysen zu Entwicklungen in der Türkei und weltweit.
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