Selenskyj, Erdoğan und Bayraktar: Strategischer Schutzschild der Ukraine
Selenskyjs Kriegsdiplomatie und die frühe Unterstützung der Türkei stärkten die Ukraine. Nun muss diese Partnerschaft auch im Alltag der Behörden spürbar werden.

Von Yusuf İnan | Wise News Press
Journalist und Autor | Politischer und strategischer Analyst
Russlands großangelegte Invasion zwang die Ukraine, gleichzeitig zwei Kriege zu führen: einen militärischen gegen die russischen Streitkräfte und einen diplomatischen um die Unterstützung der Welt. Auf diesem zweiten Schlachtfeld entwickelte sich Wolodymyr Selenskyj zu einem außergewöhnlich wirkungsvollen Staatspräsidenten.
Dass die Ukraine bis heute widersteht, kann selbstverständlich nicht auf einen einzigen Menschen zurückgeführt werden. Ukrainische Soldaten bezahlen an der Front einen kaum vorstellbaren Preis. Die Bevölkerung hält trotz Raketenangriffen, Verlusten und wirtschaftlichen Belastungen durch. Staatliche Institutionen funktionieren weiter, während Partnerstaaten Waffen, Luftverteidigung, Geld, Geheimdienstinformationen und politische Unterstützung liefern.
Doch Selenskyjs persönliche Rolle bei der Entstehung eines internationalen Schutzschildes aus befreundeten Staaten ist kaum zu bestreiten.
Seine vielleicht wichtigste Leistung besteht darin, verhindert zu haben, dass die Ukraine politisch allein blieb.
Ausgerechnet seine Schauspielerkarriere wurde zur strategischen Stärke
Selenskyj entsprach nie dem klassischen Bild eines Staatsmannes.
Bevor er Präsident wurde, war er Schauspieler, Produzent und Medienunternehmer. Jahrelang spielte er in der Serie „Diener des Volkes“ einen gewöhnlichen Lehrer, der überraschend Präsident der Ukraine wird.
Dass ein Schauspieler schließlich tatsächlich Staatspräsident wurde, wurde von seinen Gegnern zunächst als Beleg politischer Unerfahrenheit betrachtet.
Nach Beginn der russischen Invasion verwandelte sich dieselbe Vergangenheit jedoch in einen strategischen Vorteil.
Ein Schauspieler versteht die Kamera.
Ein Produzent versteht die Macht einer Geschichte.
Ein Medienprofi weiß, dass unterschiedliche Gesellschaften mit unterschiedlichen historischen Bildern angesprochen werden müssen.
Selenskyj nutzte genau diese Fähigkeiten.
Er sprach vor dem britischen Parlament, dem US-Kongress, dem Europäischen Parlament, dem Deutschen Bundestag und zahlreichen weiteren Volksvertretungen. Dabei wiederholte er nicht einfach dieselbe Rede.
Er passte seine Botschaft den historischen Erfahrungen der jeweiligen Gesellschaft an.
Damit machte er aus einem regionalen Krieg eine internationale politische Frage:
Darf ein stärkerer Staat die Grenzen eines schwächeren Nachbarn mit militärischer Gewalt verändern?
Selenskyj verstand früh, dass moderne Kriege nicht ausschließlich mit Panzern, Artillerie und Drohnen entschieden werden.
Sie werden auch mit Aufmerksamkeit, Legitimität und strategischer Kommunikation geführt.
Der Politiker, den Putin unterschätzte, zerstörte Moskaus Rechnung
Wladimir Putin und die russische Führung unterschätzten nicht nur die ukrainischen Streitkräfte.
Sie unterschätzten auch Selenskyj.
Der Kreml setzte offenbar auf einen schnellen militärischen Erfolg, eine politische Krise in Kyjiw und eine internationale Gemeinschaft, die sich nach einigen Sanktionen schließlich mit den neuen Tatsachen abfinden würde.
Das geschah nicht.
Selenskyj blieb in der Hauptstadt.
Der ukrainische Staat brach nicht zusammen.
Die Armee kämpfte weiter.
Und anstatt international isoliert zu werden, erhielt die Ukraine Schritt für Schritt immer umfangreichere Unterstützung.
Es wäre angesichts des weiterhin andauernden Krieges falsch zu behaupten, Selenskyj habe Putin „in die Knie gezwungen“.
Russland besetzt weiterhin ukrainisches Territorium.
Die strategisch präzisere Aussage ist sogar bedeutender:
Der ehemalige Schauspieler, den der Kreml unterschätzte, zerstörte Putins Erwartung eines schnellen Sieges und einer isolierten Ukraine.
Russland musste sich nicht mit einem verlassenen Land auseinandersetzen, sondern mit einem Staat, hinter dem sich nach und nach Dutzende Partner versammelten.
Das ist eine der wichtigsten Lektionen dieses Krieges.
Ein militärisch schwächeres Land kann einen Teil seiner materiellen Nachteile durch internationale Bündnisse, politische Legitimität, Technologie und strategische Kommunikation ausgleichen.
Die türkische Unterstützung begann nicht erst am 24. Februar 2022
In dieser Geschichte nimmt die Türkei eine besondere Position ein.
Die türkisch-ukrainische Zusammenarbeit begann nicht erst mit der großangelegten russischen Invasion.
Die Ukraine hatte bereits zuvor Bayraktar-TB2-Drohnen beschafft. Die Zusammenarbeit mit Baykar in Ausbildung, Wartung, Produktion und Verteidigungstechnologie wurde bereits vor der großangelegten russischen Invasion im Februar 2022 aufgebaut.
Als russische Truppen schließlich die Ukraine angriffen, existierte diese strategische Verbindung bereits.
Auch politisch hatte Ankara eine klare Linie gezogen.
Die Türkei erkannte die russische Annexion der Krim nicht an und unterstützte weiterhin die territoriale Integrität der Ukraine.
Nach Beginn der Invasion verurteilte Ankara den russischen Angriff und aktivierte die Kriegsbestimmungen des Montreux-Abkommens über die türkischen Meerengen.
Gleichzeitig brach Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Dialog mit Moskau nicht ab.
Gerade diese Kombination machte die Türkei außergewöhnlich wertvoll.
Ankara konnte die Ukraine unterstützen und dennoch mit Russland sprechen.
Später zeigte sich diese besondere Position bei Gefangenenaustauschen, dem Getreideabkommen, Gesprächen über das Schwarze Meer und verschiedenen diplomatischen Initiativen.
Bayraktar wurde zu mehr als nur einer Drohne
Besonders in der ersten Phase des Krieges entwickelte sich der Bayraktar TB2 zu einem Symbol des ukrainischen Widerstands.
Seine militärische Rolle wurde in der öffentlichen Wahrnehmung teilweise größer dargestellt, als sie im gesamten Kriegsverlauf tatsächlich war. Russische Luftverteidigungssysteme passten sich an, und die Bedingungen auf dem Schlachtfeld veränderten sich.
Doch die Bedeutung des Bayraktar war niemals ausschließlich militärisch.
Er symbolisierte, dass die Ukraine bereits vor dem Angriff begonnen hatte, neue Verteidigungsfähigkeiten aufzubauen.
Er symbolisierte die ukrainisch-türkische Technologiepartnerschaft.
Und er symbolisierte in einer äußerst unsicheren Phase des Krieges, dass die Ukraine nicht vollständig allein war.
Selçuk Bayraktar und Baykar wurden dadurch Teil der ukrainischen Kriegsgeschichte.
Später stellte Baykar der Ukraine sogar Drohnen kostenlos zur Verfügung, nachdem in verschiedenen Ländern Geld gesammelt worden war, um diese Systeme für die ukrainischen Streitkräfte zu kaufen.
Diese Unterstützung sollte weder romantisiert noch vergessen werden.
Natürlich verfolgt auch die Türkei nationale Interessen.
Die Sicherheit des Schwarzen Meeres, die Situation der Krimtataren, Handelsbeziehungen, regionale Machtpolitik und die Entwicklung der eigenen Verteidigungsindustrie spielen dabei eine Rolle.
Aber nationale Interessen und eine prinzipienbasierte Außenpolitik schließen sich nicht gegenseitig aus.
Die Türkei stellte sich in einer Phase an die Seite der territorialen Integrität der Ukraine, als niemand sicher wusste, wie dieser Krieg enden würde.
Der nächste Schritt könnte eine gemeinsame Generation von KI-Verteidigungssystemen sein
Heute verfügen die Ukraine und die Türkei über Fähigkeiten, die sich auf außergewöhnliche Weise ergänzen.
Die Ukraine besitzt inzwischen eine enorme praktische Kriegserfahrung mit Drohnen, elektronischer Kriegsführung, Zielerfassung, Luftverteidigung, Logistik und der schnellen Anpassung ziviler Technologien für militärische Zwecke.
Die Türkei wiederum verfügt über eine gewachsene Verteidigungsindustrie mit unbemannten Luftfahrzeugen, Präzisionsmunition, Elektronik, Sensorik und zunehmend auch künstlicher Intelligenz.
Eine logische nächste Stufe wäre deshalb eine vertiefte Kooperation bei KI-gestützten Verteidigungssystemen unter menschlicher Kontrolle.
Denkbar wären:
autonome Navigation,
Abwehrsysteme gegen Drohnen,
elektronisch störresistente Kommunikation,
maschinelles Sehen,
unbemannte maritime Systeme
und neue Aufklärungs- und Schutztechnologien.
Dabei darf die entscheidende Frage der menschlichen Verantwortung nicht verloren gehen.
Das Ziel sollte nicht darin bestehen, Maschinen möglichst selbstständig töten zu lassen.
Künstliche Intelligenz sollte vielmehr Navigation, Erkennung, Schutz und defensive Fähigkeiten verbessern, während die Verantwortung über tödliche Entscheidungen bei Menschen verbleibt.
Eine solche türkisch-ukrainische Zusammenarbeit könnte weit über die beiden Länder hinaus Bedeutung gewinnen.
Sie könnte Staaten helfen, die eines Tages selbst einem militärisch deutlich stärkeren Aggressor gegenüberstehen.
Doch strategische Freundschaft muss auch an einem Behördenschalter spürbar sein
Genau hier beginnt ein anderer, oft übersehener Teil der ukrainisch-türkischen Beziehungen.
Freundschaft zwischen Staaten kann nicht ausschließlich zwischen Präsidenten, Außenministern und Verteidigungsunternehmen bestehen.
Sie muss auch im Alltag funktionieren.
Türkische Staatsbürger in der Ukraine brauchen keine Sonderrechte.
Sie sollten keine Vorzugsbehandlung verlangen.
Aber sie haben Anspruch auf etwas, das für einen Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte:
Rechtmäßigkeit, Gleichbehandlung, Respekt, transparente Verfahren und staatliche Seriosität.
Ein türkischer Staatsbürger darf in der Ukraine nicht wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt werden.
Wenn Ausländer bei Behörden mit willkürlichen Verzögerungen, unerklärlichen Hindernissen, mangelnder Kommunikation oder endlosen Weiterleitungen zwischen Institutionen konfrontiert werden, ist dies zunächst ein individuelles Verwaltungsproblem.
Wenn solche Erfahrungen jedoch häufiger auftreten, wird daraus ein Problem für das Vertrauen zwischen Gesellschaften.
Und wenn es Bürger eines Staates betrifft, den die Ukraine selbst als strategischen Partner bezeichnet, entsteht zwangsläufig eine politische Frage:
Wie weit reicht strategische Freundschaft eigentlich?
Gegenseitigkeit bedeutet nicht Privilegien.
Sie bedeutet, dass ein Staat, der von seinen Freunden Solidarität erwartet, auch besonders darauf achten sollte, deren Bürger innerhalb seines eigenen Systems rechtmäßig und würdig zu behandeln.
Was ukrainische Soldaten an der Front verteidigen, darf die Bürokratie nicht beschädigen
Der Preis des Krieges ist heute in ukrainischen Städten sichtbar.
Junge Soldaten, die Arme oder Beine verloren haben, gehen mit Prothesen oder Krücken durch die Straßen.
Familien haben ihre Kinder begraben.
Menschen leben seit Jahren mit Luftalarm, Raketen, Drohnen und der Nachricht vom Tod eines Bekannten.
Soldaten halten weiterhin an Frontabschnitten aus, an denen jeder einzelne Tag Opfer fordert.
Diese Menschen kämpfen nicht ausschließlich dafür, dass eine ukrainische Flagge über einem bestimmten Stück Land weht.
Sie verteidigen letztlich auch einen Grundsatz:
Recht soll stärker sein als Gewalt.
Genau deshalb endet der Kampf um eine souveräne Ukraine nicht an der Front.
Wenn ein Soldat dort gegen russische Willkür kämpft, während im Hinterland ein Bürger oder Ausländer mit staatlicher Willkür konfrontiert wird, entsteht ein gefährlicher Widerspruch.
Korruption, schlechte Verwaltung, lokale Machtstrukturen, institutionelle Verantwortungslosigkeit und Missachtung geltenden Rechts sind deshalb nicht bloß innenpolitische Ärgernisse.
Sie sind Schwachstellen der nationalen Sicherheit.
Russische Propaganda versucht seit Jahren, die Ukraine als schwachen, korrupten und institutionell dysfunktionalen Staat darzustellen.
Die Aufgabe ukrainischer Behörden besteht darin, diese Propaganda durch ihr eigenes Verhalten zu widerlegen.
Sie dürfen ihr keine zusätzlichen Argumente liefern.
Anders gesagt:
Die Ukraine darf in ihrer Bürokratie nicht verlieren, was ihre Soldaten an der Front gewinnen.
Selenskyjs zweite historische Prüfung hat bereits begonnen
Selenskyjs erste große Prüfung begann am 24. Februar 2022.
Würde er Kyjiw verlassen?
Würde die Regierung auseinanderfallen?
Würde die Welt die Ukraine nach einigen Wochen vergessen?
Er blieb.
Der Staat blieb funktionsfähig.
Und Selenskyj überzeugte einen großen Teil der demokratischen Welt davon, dass die Verteidigung der Ukraine nicht nur eine ukrainische Angelegenheit ist.
Seine zweite historische Prüfung ist schwieriger und langfristiger.
Welchen Staat wird er hinterlassen?
Kann die Ukraine die Opfer des Krieges in bessere Institutionen übersetzen?
Kann ein Bürger oder Ausländer eine Polizeidienststelle, eine Migrationsbehörde, eine Gemeinde oder ein Gericht betreten und wissen, dass dort Regeln statt persönlicher Willkür entscheiden?
Kann die Ukraine ihren Freunden im eigenen Land dieselbe Achtung entgegenbringen, die sie von ihren Freunden international fordert?
Diese Fragen werden Selenskyjs historisches Vermächtnis mitbestimmen.
Auch die Rolle der Türkei sollte in diesem größeren Zusammenhang gesehen werden.
Erdoğans konsequente Ablehnung der russischen Krim-Annexion, die türkische Diplomatie während des Krieges, die Anwendung von Montreux und die Bedeutung der Bayraktar-Technologie gehören zur Geschichte des ukrainischen Widerstands.
Die Ukraine hat diese Unterstützung wiederholt anerkannt.
Nun sollte aus strategischer Freundschaft auch institutionelles Vertrauen werden.
Eine langfristig starke türkisch-ukrainische Partnerschaft braucht deshalb vier Säulen:
Verteidigungskooperation.
Diplomatische Solidarität.
Technologische Zusammenarbeit.
Gegenseitigen Respekt in staatlichen Institutionen.
Selenskyj überzeugte die Welt davon, die Ukraine nicht im Stich zu lassen.
Erdoğan und die Türkei gehörten zu den Akteuren, die der Ukraine in einer Zeit zur Seite standen, als der Ausgang des Krieges vollkommen offen war.
Bayraktar wurde zu einem Symbol dieser frühen Unterstützung.
Nun steht die Ukraine vor der langfristig vielleicht schwierigsten Aufgabe:
Sie muss dafür sorgen, dass der mit außergewöhnlichen Opfern verteidigte Staat innerhalb seiner eigenen Institutionen ebenso stark, gerecht und vertrauenswürdig wird, wie sich die ukrainische Gesellschaft auf dem Schlachtfeld als widerstandsfähig erwiesen hat.
Yusuf İnan
WiseNewsPress.com
Yusuf İnan ist Journalist, Autor sowie politischer und strategischer Analyst. Er ist Chefredakteur von UAPresa.com, WiseNewsPress.com, SehitlerOlmez.com, SiyasetinSesi.com und YerelGundem.com. Seine Arbeit konzentriert sich auf strategische und politische Analysen zu Entwicklungen in der Türkei und weltweit.
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