Mikrobeben im Marmarameer beunruhigen Istanbul: Experten uneins

Mehrere Mikrobeben vor den Istanbuler Prinzeninseln sorgen für Unruhe. Experten diskutieren über Kriechen der Verwerfung und das anhaltende Erdbebenrisiko.

19. August 2026 - 19:22
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Mikrobeben im Marmarameer beunruhigen Istanbul: Experten uneins

Von Ahmet Taş | Wise News Press

ISTANBUL, TÜRKEI — Mehrere kleine Erdbeben vor den Istanbuler Prinzeninseln haben erneut die Aufmerksamkeit auf die seismische Aktivität im Marmarameer gelenkt, während türkische Geowissenschaftler die Bedeutung der sogenannten Mikrobeben unterschiedlich bewerten.

Nach Angaben der Kandilli-Sternwarte wurden am Mittwoch um 17.33 Uhr und 17.43 Uhr vor den Prinzeninseln Beben der Magnituden 2,3 und 3,2 registriert. Die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD meldete zudem um 15.05 Uhr ein weiteres Beben der Stärke 1,5 in derselben Region. Euronews Türkçe zufolge waren bereits am Dienstagmorgen mehrere Erschütterungen mit Magnituden zwischen 1,1 und 1,7 gemessen worden.

Die Beben sind für sich genommen klein. Die wissenschaftliche Debatte konzentriert sich deshalb weniger auf ihre unmittelbare Stärke als auf die Frage, was die Häufung der Mikrobeben über das Verhalten der Verwerfungen unter dem Marmarameer aussagen könnte.

Mehrere kleine Beben vor den Prinzeninseln

Die jüngsten Erschütterungen ereigneten sich in einem Gebiet, das wegen der Erdbebengefahr für Istanbul seit Jahren intensiv beobachtet wird. Auch in der westtürkischen Provinz Balıkesir, insbesondere rund um Sındırgı, hält nach Angaben türkischer Medien seit Wochen eine Phase mit zahlreichen kleinen Erdbeben an.

Dass mehrere Beben in kurzer Folge auftreten, bedeutet nach Einschätzung von Fachleuten allerdings nicht automatisch, dass unmittelbar ein starkes Erdbeben bevorsteht. Kleine Erschütterungen können unterschiedliche Ursachen haben und müssen im Zusammenhang mit Tiefe, Lage und Verhalten der jeweiligen Verwerfung untersucht werden.

Besonders im Fokus steht derzeit die sogenannte Adalar-Verwerfung im Bereich der Prinzeninseln vor Istanbul.

Osman Bektaş: Mögliches langsames Gleiten in der Tiefe

Der Geologe Prof. Dr. Osman Bektaş von der Technischen Universität des Schwarzen Meeres verwies auf die Tiefe einiger jüngster Mikrobeben. Nach seiner Einschätzung konzentriert sich die Aktivität teilweise in etwa 10 bis 13 Kilometern Tiefe.

Bektaş brachte deshalb die Möglichkeit ins Spiel, dass tiefere Bereiche der Adalar-Verwerfung langsam gleiten könnten. Dieses Verhalten wird in der Geologie als „Creep“ bezeichnet.

Nach seiner Darstellung könnte ein Teil der tektonisch gespeicherten Energie in tieferen Bereichen durch viele kleine Brüche freigesetzt werden. Bektaş betonte zugleich, dass die Bevölkerung wegen der aktuellen Mikrobeben nicht in Panik geraten solle.

Er verwies außerdem auf mögliche Parallelen zum Verhalten bestimmter Abschnitte der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien. Ob ein vergleichbarer Mechanismus im Marmarameer tatsächlich vorliegt, müsse jedoch genauer erforscht werden.

Bektaş erinnerte in diesem Zusammenhang auch an das Erdbeben von 1963 im Raum Adalar mit einer Magnitude von 6,3 und sieht darin einen weiteren Grund, die tieferen Bewegungsmuster der Verwerfung wissenschaftlich genauer zu untersuchen.

Was bedeutet „Creep“ bei einer Verwerfung?

Unter Creep, auf Deutsch häufig als langsames oder aseismisches Kriechen bezeichnet, verstehen Geowissenschaftler eine sehr langsame Bewegung entlang einer Verwerfung.

Dabei verschieben sich Gesteinsblöcke auf beiden Seiten einer Störungszone nicht plötzlich während eines großen Erdbebens, sondern kontinuierlich oder in einzelnen langsamen Bewegungsphasen gegeneinander.

Vor allem in größeren Tiefen können höhere Temperaturen dazu führen, dass Gestein weniger spröde reagiert. Ein Teil der tektonischen Spannung kann dann über längere Zeiträume durch Bewegungen im Millimeter- oder Zentimeterbereich abgebaut werden.

Ein solcher Prozess erzeugt häufig keine für Menschen spürbaren Erschütterungen.

Allerdings bedeutet Creep nicht automatisch, dass die Gefahr eines größeren Erdbebens verschwindet. Während ein tieferer Abschnitt einer Verwerfung langsam gleitet, kann ein darüberliegender, flacherer Abschnitt weiterhin blockiert bleiben und Spannung aufbauen.

Langsames Gleiten in der Tiefe kann zudem Spannungen auf benachbarte blockierte Bereiche übertragen und dort kleinere Erdbebenserien auslösen. Deshalb untersuchen Forscher solche Prozesse unter anderem mithilfe von GPS-Messungen, Satellitendaten wie InSAR und empfindlichen seismischen Messnetzen.

Okan Tüysüz: Die Erdbebengefahr bleibt bestehen

Eine vorsichtigere Bewertung kommt von dem Geologen Prof. Dr. Okan Tüysüz. Er erklärte gegenüber Haber7, die Mikrobeben könnten in erster Linie als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Verwerfung vor den Prinzeninseln weiterhin aktiv sei.

Aus den kleinen Erdbeben lasse sich seiner Einschätzung nach jedoch nicht ableiten, dass die grundsätzliche Erdbebengefahr im Marmarameer geringer geworden sei.

Tüysüz verwies insbesondere auf den Bereich von den Prinzeninseln in Richtung Bakırköy und Avcılar. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten seiner Darstellung zufolge weiterhin ein erhebliches Erdbebenpotenzial in dieser Zone.

Der genaue Zeitpunkt eines künftigen starken Erdbebens könne nicht vorhergesagt werden. Entscheidend sei deshalb, die Vorbereitungen nicht von kurzfristigen Schwankungen bei der seismischen Aktivität abhängig zu machen.

Tüysüz verwies außerdem darauf, dass bei großen Erdbeben nicht immer nur ein einzelnes, klar abgegrenztes Segment einer Verwerfung bricht. Mehrere benachbarte Abschnitte könnten unter bestimmten Bedingungen gemeinsam aktiviert werden und dadurch stärkere Ereignisse verursachen.

Aus diesem Grund sollten Katastrophenschutz und Stadtplanung seiner Ansicht nach von einem ungünstigen Szenario ausgehen und entsprechend vorbereitet werden.

Naci Görür: Nicht jedes kleine Beben gehört zur selben Verwerfung

Der türkische Geowissenschaftler Prof. Dr. Naci Görür warnt wiederum davor, sämtliche kleinen Erdbeben im Marmarameer automatisch derselben tektonischen Ursache zuzuschreiben.

Görür machte darauf aufmerksam, dass insbesondere im westlichen Marmarameer einige kleinere seismische Ereignisse möglicherweise auch mit Gasaustritten zusammenhängen könnten.

Das Marmarameer durchschneide Teile des geologischen Thrakien-Beckens. Dort vorhandene Gasansammlungen könnten durch geologische Strukturen gestört werden. Austretendes Gas könne nach Görürs Einschätzung kleinere Erschütterungen verursachen.

Seine Schlussfolgerung lautet deshalb, dass jedes Ereignis nach Lage, Tiefe und geologischem Umfeld einzeln bewertet werden müsse. Es sei wissenschaftlich nicht korrekt, alle im Marmarameer registrierten kleinen Erdbeben ohne weitere Untersuchung einer einzigen Verwerfung zuzuschreiben.

Vorbereitung wichtiger als kurzfristige Erdbebenvorhersagen

Görür hatte anlässlich des 27. Jahrestags des Marmara-Erdbebens vom 17. August 1999 erneut vor den langfristigen Erdbebenrisiken in der Türkei gewarnt.

Seine zentrale Botschaft lautet, dass starke Erdbeben in einem tektonisch aktiven Land wie der Türkei langfristig unvermeidbar seien. Deshalb dürfe sich die öffentliche Debatte nicht allein darauf konzentrieren, wann und an welcher Verwerfung das nächste große Ereignis stattfinden könnte.

Entscheidend sei vielmehr, Städte erdbebenresistent zu machen und mögliche Opferzahlen durch sichere Gebäude, Infrastruktur, Stadtplanung und Katastrophenvorsorge zu reduzieren.

Die unterschiedlichen Einschätzungen von Bektaş, Tüysüz und Görür widersprechen sich dabei nicht in allen Punkten. Bektaş sieht in den tiefen Mikrobeben eine mögliche Form langsamer Energieentlastung, während Tüysüz betont, dass daraus keine Entwarnung für die blockierten Verwerfungsabschnitte abgeleitet werden kann. Görür mahnt zusätzlich, nicht jedes kleine seismische Signal automatisch derselben tektonischen Quelle zuzuschreiben.

Für Istanbul ergibt sich daraus vorerst keine belastbare kurzfristige Erdbebenvorhersage. Die aktuelle Aktivität liefert Wissenschaftlern jedoch weitere Daten über das komplexe Verhalten der Verwerfungen unter dem Marmarameer – und unterstreicht zugleich die Bedeutung langfristiger Erdbebenvorsorge.

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Ahmet Taş

Ahmet Taş is a journalist, editor and Turkey Office Manager of the Wise News Press Media Group. He works across news, digital media and international publishing, focusing on accurate, responsible and accessible journalism. He contributes to the development of media projects that bring important political, social and global developments to a wider international audience.

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