Volkswagen prüft bis zu 100.000 Stellenstreichungen: Warum jetzt?
Volkswagen erwägt zusätzliche Stellenstreichungen und Werksschließungen. China-Konkurrenz, hohe Kosten und Überkapazitäten erhöhen den Druck auf den Konzern.
Von Ahmet Taş | Wise News Press
WOLFSBURG, DEUTSCHLAND — Volkswagen prüft im Zuge seines größten Konzernumbaus zusätzliche Einschnitte, durch die zusammen mit bereits vereinbarten Maßnahmen langfristig bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten; Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen leisten Widerstand.
Im Zentrum des Konflikts stehen rund 50.000 zusätzliche Stellen, deren Abbau Konzernchef Oliver Blume als mögliche Größenordnung für weitere Kostensenkungen genannt hat. Zuvor waren bereits Maßnahmen vereinbart worden, die auf einen Abbau von etwa 50.000 Arbeitsplätzen hinauslaufen können. Die zusätzlichen Einschnitte sind jedoch noch nicht endgültig beschlossen. Auch mögliche Werksschließungen gehören zu den umstrittensten Punkten der Diskussion.
Warum Volkswagen noch stärker sparen will
Volkswagen kämpft gleichzeitig mit mehreren strukturellen Problemen.
Der Konzern steht unter wachsendem Wettbewerbsdruck chinesischer Hersteller, verliert in seinem lange wichtigsten Einzelmarkt China an Boden und muss gleichzeitig Milliarden in Elektromobilität, Software und neue Fahrzeugplattformen investieren.
Hinzu kommen hohe Produktions- und Personalkosten in Deutschland sowie zusätzliche Belastungen durch internationale Handelskonflikte und US-Zölle.
Blume hat die Situation wiederholt als kritisch bezeichnet. Nach seinen Angaben liegen die Gemeinkosten bei Volkswagen deutlich über denen wichtiger Wettbewerber. Reuters berichtete im August, dass VW intern von einem Kostenabstand von mehr als 30 Prozent gegenüber Konkurrenten ausgeht.
Der Konzernchef sieht außerdem ein Kapazitätsproblem: Volkswagen könne in Europa erheblich mehr Fahrzeuge produzieren, als aktuell verkauft würden.
Diese Kombination aus schwächerer Nachfrage, hohen Fixkosten und Investitionsbedarf zwingt das Unternehmen dazu, seine Strukturen grundlegend zu überprüfen.
50.000 Stellen sind bereits Teil des Umbaus
Die Zahl von 100.000 Arbeitsplätzen bedeutet nicht, dass Volkswagen nun plötzlich 100.000 Beschäftigten eine Kündigung ausgesprochen hat.
Der Konzern hatte mit Arbeitnehmervertretern bereits einen weitreichenden Umbau vereinbart, durch den in den kommenden Jahren rund 50.000 Stellen wegfallen können. Dabei setzt Volkswagen bislang vor allem auf sozialverträgliche Instrumente wie Altersteilzeit, natürliche Fluktuation, Einstellungsbeschränkungen und freiwillige Programme.
Im Sommer brachte die Konzernführung weitere rund 50.000 Stellen als mögliche Größenordnung ins Gespräch.
Damit könnte sich der gesamte Personalabbau im Volkswagen-Konzern langfristig auf bis zu 100.000 Arbeitsplätze summieren. Reuters berichtete bereits im Juni, dass neben dieser Größenordnung auch die Zukunft mehrerer deutscher Werke geprüft werde.
Blume betont jedoch, dass die zusätzliche Zahl kein bereits beschlossenes Kündigungsprogramm darstellt, sondern zeigen soll, in welchem Umfang Volkswagen seine Kostenstruktur verändern müsste, um wieder mit Wettbewerbern Schritt halten zu können.
Deutsche VW-Werke stehen unter besonderem Druck
Besonders sensibel ist die Zukunft der deutschen Produktionsstandorte.
Als gefährdet gelten unter anderem Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Für mehrere Standorte fehlen nach Angaben aus dem Konzern derzeit langfristig belastbare Perspektiven für die Zeit nach 2030.
Beim Werk Osnabrück steht die bisherige Fahrzeugproduktion bereits vor dem Aus, sofern Volkswagen keine alternative industrielle Nutzung oder Partnerschaft findet.
Blume bezeichnet Werksschließungen als letztes Mittel, schließt sie jedoch nicht grundsätzlich aus.
Reuters zufolge sucht Volkswagen auch nach ungewöhnlichen Alternativen. Diskutiert werden unter anderem neue Industriepartnerschaften oder andere Produktionsaufgaben für Werke mit geringer Auslastung.
Die Konzernführung argumentiert, dass Standorte dauerhaft wirtschaftlich tragfähig sein müssten. Arbeitnehmervertreter halten dagegen, dass eine Zukunftsstrategie nicht hauptsächlich aus Personalabbau, niedrigeren Arbeitskosten und der Infragestellung deutscher Fabriken bestehen dürfe.
China verändert das Kräfteverhältnis in der Autoindustrie
Ein wesentlicher Teil der Volkswagen-Krise hängt mit China zusammen.
Über viele Jahre war das Land eine zentrale Gewinnquelle für deutsche Autohersteller. Inzwischen haben chinesische Marken insbesondere bei Elektrofahrzeugen stark aufgeholt.
Unternehmen wie BYD und andere chinesische Hersteller entwickeln neue Modelle teilweise schneller, produzieren günstiger und gewinnen sowohl in China als auch zunehmend in Europa Marktanteile.
Volkswagen muss deshalb gleichzeitig zwei Probleme lösen: Der Konzern muss im chinesischen Markt wettbewerbsfähiger werden und seine europäischen Werke an ein niedrigeres Produktionsvolumen anpassen.
Reuters berichtete im Juli, Volkswagen müsse seine Kosten tiefer senken, weil chinesische Hersteller inzwischen nicht mehr nur auf dem heimischen Markt, sondern zunehmend auch in Europa direkten Wettbewerbsdruck erzeugten.
Hinzu kommt, dass die Umstellung auf Elektromobilität hohe Investitionen erfordert, während traditionelle Verbrennermodelle weiterhin einen erheblichen Teil der Einnahmen liefern.
Volkswagen muss damit alte und neue Technologien zeitweise parallel finanzieren.
Arbeitnehmer stellen sich gegen Kündigungen und Werksschließungen
Die geplanten Einschnitte stoßen bei den Beschäftigten auf massiven Widerstand.
Bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg stellte sich Konzernchef Blume vor mehr als 10.000 Beschäftigten der Kritik. Arbeitnehmervertreter warfen der Konzernführung unter anderem mangelnde Klarheit bei der Kommunikation der Sparpläne vor.
Gesamt- und Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo lehnt betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen ausdrücklich ab.
„Wir schließen betriebsbedingte Kündigungen definitiv aus.“
Auch Werksschließungen seien für die Arbeitnehmerseite keine Option, erklärte Cavallo nach einem Gespräch mit Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies.
IG Metall und Betriebsrat argumentieren, Volkswagen benötige zwar Veränderungen, müsse aber zugleich neue Produkte, Technologien und Produktionsaufträge für die deutschen Standorte entwickeln.
Cavallo erklärte zudem, das Vertrauen der Beschäftigten in die Konzernführung habe erheblich gelitten, sei jedoch noch reparierbar.
Niedersachsen macht den Umbau politisch komplizierter
Volkswagen ist kein gewöhnlicher börsennotierter Autokonzern.
Das Land Niedersachsen ist Großaktionär und verfügt über 20 Prozent der Stimmrechte. Ministerpräsident Olaf Lies sitzt zudem im Aufsichtsrat des Unternehmens.
Damit haben Entscheidungen über Werke und Arbeitsplätze unmittelbar auch eine politische Dimension.
Lies hat sich gegen vorschnelle Werksschließungen gestellt und fordert gemeinsame Lösungen für die betroffenen Standorte.
„Niedersachsen ist Autoland und soll Autoland bleiben.“
Reuters zufolge gehören die Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen zu den Kräften im Aufsichtsrat, die zentrale Teile von Blumes bisherigem Sparprogramm blockiert haben.
Die nächste entscheidende Auseinandersetzung wird deshalb nicht allein zwischen Konzernführung und Beschäftigten geführt, sondern auch innerhalb des Aufsichtsrats.
Dort müssen Eigentümervertreter, Arbeitnehmerseite und Niedersachsen einen tragfähigen Kompromiss finden.
„Target Vision 2030“ soll Volkswagen deutlich kleiner machen
Blume bezeichnet den geplanten Konzernumbau als den größten Transformationsprozess in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns.
Unter dem Konzept „Target Vision 2030“ soll die Unternehmensstruktur vereinfacht, die Zahl der Modelle reduziert und die Produktion stärker an die tatsächliche Nachfrage angepasst werden.
Nach den bislang bekannt gewordenen Plänen könnte Volkswagen seine Modellpalette ungefähr halbieren.
Auch das globale Produktionsniveau soll langfristig niedriger liegen. Nachdem der Konzern 2018 noch rund 11 Millionen Fahrzeuge produziert hatte, soll sich die Größenordnung künftig eher bei etwa 9 Millionen Fahrzeugen bewegen.
Volkswagen arbeitet damit auf ein Unternehmen hin, das weniger komplex, schneller und kostengünstiger sein soll.
Blume argumentiert, dass der Konzern trotz eines positiven operativen Ergebnisses nicht genügend verdient, um gleichzeitig neue Technologien zu finanzieren, seine bestehenden Werke auszulasten und international konkurrenzfähig zu bleiben.
Die kommenden Jahre könnten deshalb darüber entscheiden, welche Rolle Volkswagen künftig in der globalen Autoindustrie spielt.
Fest steht bislang nur: Ein zusätzlicher Abbau von 50.000 Stellen und mögliche Werksschließungen sind noch Gegenstand harter Verhandlungen. Sollte die Konzernführung ihre Vorstellungen weitgehend durchsetzen, könnte der bereits laufende und zusätzlich geplante Stellenabbau jedoch insgesamt die Größenordnung von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen erreichen.
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