Russlands „Schwarzer August“: Sait Yılmaz über Krieg, Krim und Kreml-Druck
Sait Yılmaz sieht Russland unter Druck durch Krieg, Raffinerieausfälle, Personalprobleme und das Schwarze Meer – ein Kollaps ist jedoch nicht belegt.
Von Ahmet Taş | Wise News Press
ANKARA, TÜRKEI — Der türkische Sicherheits- und Strategieexperte Prof. Dr. Sait Yılmaz sieht Russland in einem „Schwarzen August“, in dem militärische Abnutzung, Probleme bei Raffinerien, Treibstoffengpässe, Personalbedarf und wachsender Druck im Schwarzen Meer gleichzeitig zusammenkommen.
In der am 26. August veröffentlichten Ausgabe seiner Sendung Kırmızı Klasör zeichnet Yılmaz allerdings ein noch wesentlich größeres Bild: Für ihn ist der Krieg in der Ukraine Teil einer geopolitischen Bruchlinie, die von der Arktis über Osteuropa, die Ukraine und das Schwarze Meer bis in den Kaukasus, nach Zentralasien und letztlich in Richtung China reicht.
Yılmaz geht dabei so weit, von einem Russland zu sprechen, das zu „bröckeln“ beginne, und stellt auch die Frage nach einer möglichen Zukunft ohne Wladimir Putin.
Unabhängige Daten bestätigen erheblichen wirtschaftlichen, militärischen und infrastrukturellen Druck auf Moskau. Sie belegen jedoch bislang weder einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch Russlands noch ein absehbares Ende des Putin-Systems.
Krim und Sewastopol als Kern russischer Sicherheitsstrategie
Yılmaz beginnt seine Analyse mit der russischen Sicherheitskultur.
Seiner Darstellung zufolge hat die enorme geografische Ausdehnung Russland historisch nicht nur Stärke, sondern auch ein dauerhaftes Sicherheitsproblem gebracht: lange Grenzen, schwer zu verteidigende Räume und die Suche nach strategisch sicheren Zugängen zu den Meeren.
In diesem Zusammenhang misst er der Krim und insbesondere Sewastopol eine Schlüsselrolle bei.
Yılmaz verbindet die russische Besetzung und völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014 unter anderem mit der Bedeutung Sewastopols als Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Für Moskau sei die Halbinsel deshalb nicht nur symbolisch, sondern militärisch und geopolitisch von zentraler Bedeutung.
Der Krieg hat diesen Vorteil jedoch erheblich geschwächt. Wiederholte ukrainische Angriffe zwangen Russland, zahlreiche Kriegsschiffe von Sewastopol nach Noworossijsk zu verlegen. Ein russischer Funktionär bestätigte diese Verlagerung bereits 2024 öffentlich und räumte ein, dass große Kriegsschiffe zu verwundbaren Zielen für ukrainische unbemannte Systeme geworden seien.
Damit erhält ein zentraler Punkt von Yılmaz’ Argumentation besonderes Gewicht: Ein Gebiet, das Russland strategische Tiefe verschaffen sollte, ist selbst Teil des Gefahrenraums geworden.
Von Panzern zu Software: Yılmaz sieht eine Revolution der Kriegführung
Besonders ausführlich beschäftigt sich Yılmaz mit der technologischen Veränderung des Krieges.
Nach seiner Einschätzung ist die Ukraine zu einem „Labor“ moderner Kriegführung geworden. Nicht mehr allein Panzer, Artillerie und zahlenmäßige Überlegenheit seien entscheidend, sondern Drohnen, digitale Aufklärung, vernetzte Sensoren, elektronische Systeme und Software.
Besondere Bedeutung gibt er dem ukrainischen Gefechtsführungssystem Delta. Yılmaz beschreibt es als eine digitale Infrastruktur, über die Aufklärung, Überwachung, Zielerfassung und Waffenwirkung miteinander verbunden werden. Er erklärt in der Sendung, das System bei einer Veranstaltung in London von seinen Betreibern gesehen zu haben.
Seine Schlussfolgerung fällt hart aus: Nicht nur russische Waffen seien im Krieg an Grenzen gestoßen, sondern auch Teile der traditionellen russischen Militärdoktrin.
Yılmaz erinnert an das lange gepflegte Bild großer russischer Panzerformationen, massiver Artillerie und zahlenmäßiger Überlegenheit. Der Ukraine-Krieg habe gezeigt, wie verwundbar solche Strukturen unter permanenter Drohnenaufklärung und präziser Zielerfassung sein können.
Er verweist zudem auf russische Unterstützung durch Nordkorea, iranische Drohnentechnologie sowie wirtschaftliche Beziehungen zu China.
Von einer vollständigen technologischen Niederlage Russlands zu sprechen, wäre dennoch zu weitgehend. Die Frontlage bleibt gemischt: Ukrainische Truppen haben 2026 in Teilen des Südostens mehr als 700 Quadratkilometer zurückgewonnen, während russische Einheiten zugleich den Druck im Raum Kostjantyniwka, Kramatorsk und Slowjansk erhöhen.
Der Krieg bleibt damit ein äußerst verlustreicher Abnutzungskrieg.
Der „Schwarze August“ hat eine reale wirtschaftliche Grundlage
Der am besten überprüfbare Teil von Yılmaz’ These betrifft Russlands Ölverarbeitung und Treibstoffversorgung.
Yılmaz argumentiert, dass ukrainische Angriffe weit hinter der Front Raffinerien, Flughäfen, Logistikzentren und wirtschaftlich wichtige Einrichtungen zunehmend zum Bestandteil des Krieges gemacht haben.
Dafür gibt es inzwischen deutliche Belege.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur lag die russische Raffinerietätigkeit im Juli nahe einem 20-Jahres-Tief. Ein wesentlicher Faktor waren wiederholte ukrainische Drohnenangriffe auf russische Verarbeitungskapazitäten.
Auch Moskau selbst blieb von den Folgen nicht verschont. Reuters berichtete im August über neue Verkaufsbeschränkungen an Tankstellen in der Hauptstadt und anderen Regionen. Gazprom Neft begrenzte beispielsweise Benzinmengen je nach Tankstellentyp auf 40 beziehungsweise 60 Liter, Rosneft auf 30 Liter pro Fahrzeug.
Die Regierung reagierte unter anderem mit Exportbeschränkungen für Kraftstoffe. Eine Verlängerung des Diesel-Exportverbots bis in den September wurde vorbereitet, während andere Beschränkungen teilweise noch länger gelten.
Besonders deutlich ist das Beispiel der Raffinerie in Orsk. Nach einem ukrainischen Drohnenangriff musste die Anlage vollständig stillgelegt werden. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Orenburg könnten Reparaturen wegen beschädigter importierter Anlagen und der Folgen der Sanktionen bis zu sechs Monate dauern.
Yılmaz nennt in seiner Sendung allerdings deutlich höhere konkrete Ausfallquoten und spricht von etwa 43 bis 45 Prozent betroffener Raffineriekapazität.
Diese exakte Größenordnung lässt sich mit öffentlich verfügbaren unabhängigen Daten derzeit nicht in gleicher Weise bestätigen.
Auch der russische Staatshaushalt zeigt zunehmenden Druck
Der wirtschaftliche Druck beschränkt sich nicht auf Benzin und Diesel.
Nach vorläufigen Angaben des russischen Finanzministeriums erreichte das föderale Haushaltsdefizit von Januar bis Juli 2026 6,455 Billionen Rubel beziehungsweise rund 2,8 Prozent des BIP.
Damit lag das Defizit bereits deutlich über dem für das gesamte Jahr ursprünglich vorgesehenen Wert von 3,786 Billionen Rubel oder 1,6 Prozent des BIP.
Besonders relevant für die Finanzierung des russischen Staates: Die Öl- und Gaseinnahmen gingen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16,8 Prozent zurück, während die Ausgaben um 14,5 Prozent stiegen.
Diese Zahlen sprechen für eine zunehmend kostspielige Kriegswirtschaft.
Sie bedeuten aber noch keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Russland verfügt weiterhin über erhebliche Einnahmen, funktionierende staatliche Strukturen und die Fähigkeit, hohe Militärausgaben zu finanzieren.
Der präzisere Befund lautet daher: Der finanzielle Spielraum wird enger und der Preis des Krieges steigt.
Personal wird zu einem weiteren strategischen Problem
Ein weiterer Schwerpunkt der Sendung ist Russlands Bedarf an Soldaten.
Yılmaz beschreibt ein System, in dem hohe Prämien, Rekrutierung in wirtschaftlich schwächeren Regionen und die Anwerbung ausländischer Kämpfer immer wichtiger würden. Er vertritt die These, dass Russland zunehmend Schwierigkeiten habe, seine Verluste schnell genug zu ersetzen.
Einige von ihm genannte Zahlen lassen sich unabhängig nicht bestätigen.
Dass die Personalfrage Moskau weiterhin beschäftigt, ist jedoch offensichtlich. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am 23. August, die ukrainische Führung gehe davon aus, dass Russland nach den Parlamentswahlen im September weitere 300.000 Soldaten rekrutieren wolle.
Russland hat diesen Plan öffentlich nicht bestätigt. Die Zahl muss deshalb als Aussage der ukrainischen Seite behandelt werden.
Yılmaz verbindet das Personalproblem zugleich mit einer größeren politischen These über den multiethnischen Charakter Russlands. In der Sendung benutzt er dafür den historisch aufgeladenen Begriff eines „Völkergefängnisses“ und verweist insbesondere auf turksprachige und muslimische Bevölkerungsgruppen innerhalb der Russischen Föderation.
Diese Formulierung ist Yılmaz’ politische Interpretation, keine neutrale demografische Beschreibung.
Eurasianismus, Kaukasus und eine Konfliktlinie bis nach China
Yılmaz beschränkt seine Analyse nicht auf die Ukraine.
Er kritisiert insbesondere den russischen Eurasianismus. Während dieser in Teilen der türkischen Debatte als mögliche Alternative zu westlicher Dominanz verstanden werde, sieht Yılmaz darin vielmehr ein Instrument zur Sicherung russischer Vorherrschaft im postsowjetischen und turksprachigen Raum.
Er verbindet diese Sichtweise mit Russlands Vorgehen auf der Krim, in Abchasien und Südossetien und verweist auf militärische Präsenz, Passvergabe und politische Integration als wiederkehrende Instrumente russischer Einflussnahme.
Sein geopolitisches Gesamtbild reicht noch weiter: von der Arktis über Skandinavien und die NATO-Ostflanke nach Osteuropa und in die Ukraine, weiter über das Schwarze Meer und den Kaukasus nach Zentralasien und schließlich bis in den chinesischen beziehungsweise indo-pazifischen Raum.
Das ist eine strategische Interpretation und kein unabhängig belegter einheitlicher westlicher Masterplan.
Gerade diese breite Perspektive macht die Sendung jedoch bemerkenswert: Yılmaz behandelt den Ukraine-Krieg nicht als isolierten Regionalkonflikt, sondern als Teil einer Neuordnung des eurasischen Raums.
Putin ohne Putin? Der spekulativste Teil der Analyse
Besonders vorsichtig muss Yılmaz’ Einschätzung der russischen Innenpolitik behandelt werden.
Er geht davon aus, dass sich innerhalb der russischen Elite zwei unterschiedliche Tendenzen entwickeln könnten: eine auf weitere Eskalation und maximalistische Kriegsziele ausgerichtete Gruppe und Kräfte, die möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass Russland seine Ziele falsch eingeschätzt habe und realistischere Kriegsziele brauche.
Yılmaz nennt dabei Generäle, ehemalige Militärs, Nachrichtendienstkreise und wirtschaftliche Eliten als potenzielle Akteure künftiger Veränderungen.
Er leitet daraus die Möglichkeit eines Wandels „von innen“ und letztlich eines Russlands ohne Putin ab.
In der Sendung geht Yılmaz noch weiter und referiert Behauptungen über angebliche westliche Überlegungen zu einem Attentat auf Putin und mutmaßliche frühere Angriffsversuche.
Für solche Behauptungen gibt es keine ausreichenden öffentlich verifizierten Belege. Sie dürfen daher nicht als feststehende Tatsachen dargestellt werden.
Nachweisbar ist lediglich, dass steigende Kriegskosten, Sanktionen und wirtschaftlicher Druck das Potenzial für Konflikte innerhalb von Eliten erhöhen können. Ob daraus tatsächlich ein Machtwechsel entsteht, bleibt offen.
Schwarzes Meer, Türkei und die Zukunft der Turkstaaten
Zum Ende der Sendung richtet Yılmaz den Blick auf die Türkei.
Für Ankara sei das Schwarze Meer die unmittelbar wichtigste strategische Frage. Yılmaz verweist auf die Zusammenarbeit der Türkei mit Rumänien und Bulgarien bei der Minenabwehr und hält es für möglich, dass Ankara künftig eine größere Rolle in einer neuen Sicherheitsarchitektur des Schwarzen Meeres einnehmen könnte.
Für die Türkei ist diese Position allerdings besonders sensibel.
Sie ist NATO-Mitglied, kontrolliert über die türkischen Meerengen den Zugang zum Schwarzen Meer im Rahmen des Montreux-Übereinkommens, unterstützt die territoriale Integrität der Ukraine und hält gleichzeitig politische und wirtschaftliche Kommunikationskanäle zu Russland offen.
Eine Schwächung Russlands könnte den türkischen Handlungsspielraum im Schwarzen Meer, im Kaukasus und in Zentralasien vergrößern. Sie könnte zugleich neue Sicherheitsrisiken schaffen.
Yılmaz beendet seine Analyse deshalb mit einem Aufruf an die turksprachige Welt.
Mögliche Verschiebungen der russischen Machtverhältnisse könnten nach seiner Einschätzung erhebliche Folgen sowohl für turksprachige Bevölkerungsgruppen in Russland als auch für die unabhängigen Staaten Zentralasiens haben.
Seine Kritik ist deutlich: Zusammenarbeit in der turksprachigen Welt dürfe sich nicht auf Kongresse, Kulturprogramme, Reiterspiele oder Bogenschießen reduzieren. Notwendig seien vielmehr wissenschaftliche Analysen, strategische Szenarien und eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Akademikern, Forschern und staatlichen Fachleuten.
Damit bekommt der Begriff „Schwarzer August“ bei Yılmaz eine größere Bedeutung.
Er beschreibt nicht lediglich einen schwierigen Monat für Russland. Seine eigentliche Frage lautet:
Was geschieht, wenn Russlands militärische, wirtschaftliche und geopolitische Handlungsfähigkeit langfristig weiter abnimmt – und sind die Türkei sowie die turksprachige Welt auf die möglichen Folgen vorbereitet?
Die derzeit überprüfbaren Daten rechtfertigen einen vorsichtigen Befund:
Russland steht gleichzeitig unter erheblichem Druck bei Raffinerien und Treibstoffversorgung, im Staatshaushalt, bei der Personalfrage sowie bei der Sicherheit seiner Infrastruktur und seiner Position im Schwarzen Meer. Ob daraus eine Systemkrise, ein Machtwechsel in Moskau oder sogar eine staatliche Fragmentierung entsteht, bleibt offen. Sait Yılmaz’ „Schwarzer August“ ist deshalb eine strategische Warnung und ein Zukunftsszenario – noch keine nachgewiesene Prognose eines russischen Zusammenbruchs.
Kırmızı Klasör – offizieller YouTube-Kanal von Prof. Dr. Sait Yılmaz
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