Gefährliche Social-Media-Trends: Warum Jugendliche Risiken unterschätzen
Likes, Aufrufe und Gruppendruck können riskante Social-Media-Trends für Jugendliche attraktiver erscheinen lassen. Eine Psychologin erklärt die Mechanismen
Von Ahmet Taş | Wise News Press
ISTANBUL, TÜRKEI — Der Wunsch nach Likes, Aufrufen und sozialer Anerkennung kann Kinder und Jugendliche dazu bringen, Grenzen stärker auszutesten und Risiken bei populären Social-Media-Trends geringer einzuschätzen, warnt eine klinische Psychologin.
Seren Doğantekin, Klinische Psychologin am NPİSTANBUL Krankenhaus der Üsküdar Universität, sieht hinter dem Wunsch nach möglichst großer Sichtbarkeit nicht lediglich das Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erregen. Häufig gehe es auch darum, gesehen, akzeptiert und einer Gruppe zugehörig zu sein. Besonders problematisch könne es werden, wenn außergewöhnliche oder riskante Inhalte deutlich mehr Reaktionen erhalten als gewöhnliche Beiträge.
Likes und Aufrufe werden zu sichtbarer sozialer Anerkennung
Soziale Medien machen Rückmeldungen messbar. Likes, Kommentare, Aufrufe und Followerzahlen zeigen unmittelbar, wie stark andere Nutzer auf einen Beitrag reagieren.
Nach Einschätzung von Doğantekin kann diese Form der Rückmeldung insbesondere dann an Bedeutung gewinnen, wenn Menschen ihren eigenen Wert zunehmend von äußerer Anerkennung abhängig machen.
Hinter dem Wunsch nach Sichtbarkeit könnten unterschiedliche psychologische Bedürfnisse stehen: Anerkennung, Zugehörigkeit, Neugier, Suche nach Spannung und das Bedürfnis nach sozialer Bestätigung.
Doğantekin betont deshalb, dass eine stärkere Selbstdarstellung im Internet nicht pauschal als bloßer Wunsch nach Aufmerksamkeit verstanden werden sollte.
Problematisch werde es vor allem dann, wenn immer mehr Aufmerksamkeit benötigt werde und dafür persönliche, private oder körperliche Grenzen überschritten würden.
Viele Teilnehmer können einen gefährlichen Trend normal erscheinen lassen
Eine wichtige Rolle spielt nach Darstellung der Psychologin der sogenannte Social-Proof-Effekt, also soziale Bestätigung durch das Verhalten anderer Menschen.
Wenn zahlreiche Nutzer eine bestimmte Challenge oder Handlung zeigen, könne der Eindruck entstehen, dass dieses Verhalten normal und gesellschaftlich akzeptiert sei.
Gerade bei gefährlichen Social-Media-Trends könne daraus eine Fehleinschätzung entstehen: „Wenn es alle machen, kann es nicht besonders gefährlich sein.“
Dieser Eindruck könne zusätzlich verstärkt werden, wenn Videos nur den spektakulären Moment zeigen, mögliche Verletzungen oder andere negative Folgen jedoch nicht sichtbar werden.
Doğantekin verweist darauf, dass Jugendliche sich besonders stark an Inhalten orientieren können, die bereits viele Likes erhalten haben. Das könne nach ihrer Darstellung auch bei Beiträgen gelten, die riskantes Verhalten zeigen.
Die sichtbare Popularität eines Beitrags könne damit unbewusst selbst zu einem Signal dafür werden, was interessant, akzeptiert oder nachahmenswert erscheint.
Bei Jugendlichen treffen Belohnung und Gruppenzugehörigkeit zusammen
Kinder und Jugendliche gelten bei riskanten Online-Trends als besonders relevante Gruppe.
Doğantekin erklärt dies unter anderem mit den Entwicklungsprozessen in der Jugend. Die Anerkennung durch Gleichaltrige und das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, haben in dieser Lebensphase häufig einen hohen Stellenwert.
Gleichzeitig sei die Sensibilität gegenüber Belohnungen und sozialer Rückmeldung ausgeprägt, während Fähigkeiten wie Impulskontrolle, Selbstregulation und die Bewertung langfristiger Konsequenzen weiterhin entwickelt würden.
Dadurch könne dieselbe Situation von Jugendlichen und Erwachsenen unterschiedlich wahrgenommen werden.
Was Erwachsene als unnötiges Risiko betrachten, könne für einen Jugendlichen zugleich eine Möglichkeit darstellen, Anerkennung in der Freundesgruppe zu erhalten, Spaß zu haben oder online stärker wahrgenommen zu werden.
Auch der Einfluss von Freunden und anderen Gleichaltrigen könne die Bereitschaft erhöhen, sich an bestimmten Trends zu beteiligen.
„Auffälligerer Inhalt gleich mehr Aufmerksamkeit“ kann zur Lernschleife werden
Besondere Bedeutung hat nach Einschätzung Doğantekins die Reaktion auf bereits veröffentlichte Inhalte.
Wenn ein Kind feststellt, dass gewöhnliche Beiträge nur wenig Resonanz bekommen, außergewöhnliche oder grenzüberschreitende Videos dagegen deutlich häufiger angesehen werden, könne sich eine problematische Lernschleife entwickeln.
Die zugrunde liegende Botschaft lautet dann vereinfacht:
Je spektakulärer der Inhalt, desto größer die Aufmerksamkeit.
Das kann dazu führen, dass Nutzer versuchen, einen erfolgreichen Beitrag beim nächsten Mal zu übertreffen.
Doğantekin verweist darauf, dass soziale Rückmeldung für Jugendliche eine starke Belohnungswirkung entfalten könne. Gerade deshalb seien Likes und hohe Aufrufzahlen nicht lediglich abstrakte Zahlen auf einem Bildschirm.
Sie könnten zu einem Signal dafür werden, welche Inhalte Anerkennung versprechen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Kind, das viele Likes erhalten möchte, automatisch gefährliches Verhalten entwickeln wird. Entscheidend seien Häufigkeit, Intensität, Kontrollierbarkeit und die konkreten Folgen des Verhaltens.
Wann aus normalem Teilen eine problematische Suche nach Bestätigung wird
Sich auszudrücken, persönliche Erlebnisse zu teilen und Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld zu erhalten, bezeichnet Doğantekin grundsätzlich als normales menschliches Bedürfnis.
Die entscheidende Frage sei, welchen Stellenwert diese Rückmeldungen für die eigene Selbstwahrnehmung bekommen.
Warnzeichen könnten beispielsweise auftreten, wenn ein Beitrag mit wenig Resonanz starke Gefühle von Wertlosigkeit, Angst oder Wut auslöst.
Auch eine zunehmende Bereitschaft, für mehr Aufmerksamkeit intime, extreme oder gefährliche Inhalte zu veröffentlichen, könne darauf hindeuten, dass sich eine normale Suche nach sozialem Austausch in eine riskantere Form der Bestätigungssuche verändert.
Professionelle psychologische Unterstützung könne insbesondere dann sinnvoll sein, wenn Jugendliche ihre körperliche Sicherheit wiederholt gefährden, trotz erlebter Schäden weitermachen oder zunehmend drastischere Aktionen benötigen, um Aufmerksamkeit zu erhalten.
Besonders ernst genommen werden sollten nach Einschätzung Doğantekins zusätzliche Anzeichen wie starke Impulsivität, selbstverletzendes Verhalten, deutliche Stimmungsschwankungen sowie Probleme in Schule und Familie.
Auch intensive Belastung, sobald kein Zugang zu sozialen Medien besteht, könne im Gesamtbild relevant sein.
Eltern sollten nicht nur verbieten, sondern über Risiken sprechen
Eltern rät die Psychologin davon ab, sich ausschließlich auf Verbote zu verlassen.
Ein schlichtes „Mach das nicht“ könne zwar eine Grenze setzen, helfe Kindern jedoch nicht zwangsläufig dabei zu verstehen, warum ein bestimmter Trend gefährlich sein kann.
Doğantekin empfiehlt deshalb Fragen, die Jugendliche dazu bringen, die Wirkung sozialer Medien selbst zu hinterfragen.
Eltern könnten beispielsweise fragen, ob ein Video nur deshalb sicher erscheine, weil es viele Aufrufe habe. Eine weitere Frage könne sein, ob das Kind dieselbe Handlung auch ausführen würde, wenn keine Kamera dabei wäre.
Auch die Frage, ob viele Likes tatsächlich bedeuten, dass eine Handlung ungefährlich ist, könne die kritische Auseinandersetzung unterstützen.
Ziel sei es, Risikobewertung und kritisches Denken zu stärken, anstatt ausschließlich einzelne Trends zu verbieten.
Damit verlagert sich die Prävention von der Frage, welche Challenge gerade populär ist, auf eine grundlegende Medienkompetenz: Jugendliche sollen lernen, Popularität nicht automatisch mit Sicherheit oder gesellschaftlicher Akzeptanz gleichzusetzen.
Nach Einschätzung Doğantekins liegt darin ein zentraler Schutzfaktor, weil sich einzelne Trends schnell verändern, die psychologischen Mechanismen hinter Likes, Gruppendruck und dem Wunsch nach Anerkennung jedoch bestehen bleiben.
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