Sexuelle Funktionsstörungen: Probleme nicht einfach als normal hinnehmen
Sexuelle Funktionsstörungen können körperliche, psychische und partnerschaftliche Ursachen haben. Eine individuelle Abklärung kann die Lebensqualität verbessern.
Von Ahmet Taş | Wise News Press
ISTANBUL, TÜRKEI — Sexuelle Probleme sollten nicht automatisch als unvermeidlicher Bestandteil des Lebens hingenommen werden, wenn sie wiederkehren, Belastung verursachen oder die Beziehung und Lebensqualität beeinträchtigen. Fachleute raten in solchen Fällen zu einer individuellen medizinischen und psychosozialen Abklärung.
Darauf weist Dr. Süheyla Ayşe Mutlu, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Memorial Şişli Hospital, hin. Die Ärztin ist dort offiziell in der Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe tätig. Auch medizinische Leitlinien beschreiben sexuelle Funktionsstörungen nicht als einheitliches Krankheitsbild, sondern als unterschiedliche Probleme bei Verlangen, Erregung, Orgasmus oder sexuellen Schmerzen, die insbesondere dann klinisch relevant werden, wenn sie für die betroffene Person deutlichen Leidensdruck verursachen.
Sexuelle Funktionsstörungen können Frauen und Männer betreffen
Der Begriff sexuelle Funktionsstörung umfasst Beschwerden, die in unterschiedlichen Phasen der Sexualität auftreten können. Bei Frauen gehören dazu unter anderem vermindertes sexuelles Verlangen, Schwierigkeiten bei Erregung und Lubrikation, Orgasmusprobleme, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Vaginismus.
Bei Männern können unter anderem verminderte sexuelle Lust, Erektionsprobleme sowie Schwierigkeiten mit vorzeitiger oder verzögerter Ejakulation auftreten. Die Europäischen Urologischen Leitlinien behandeln Erektions- und Ejakulationsstörungen entsprechend als eigenständige Bereiche der sexuellen Gesundheit.
Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Person einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm entspricht. Es gibt keine für alle Menschen gleichermaßen gültige Zahl dafür, wie häufig sexuelle Aktivität stattfinden muss oder welche sexuelle Reaktion als „richtig“ gilt.
Nach Mutlus Einschätzung wird eine Abklärung vor allem dann wichtig, wenn die betroffene Person oder das Paar unter der Situation leidet oder sich dadurch die Beziehung, das Selbstwertgefühl oder die allgemeine Lebensqualität verschlechtert.
Körperliche und psychische Ursachen greifen oft ineinander
Sexuelle Funktionsstörungen haben häufig nicht nur eine einzige Ursache. Körperliche, psychische, partnerschaftliche und soziale Faktoren können gleichzeitig wirken und sich gegenseitig verstärken.
Zu den möglichen körperlichen Einflussfaktoren zählen hormonelle Veränderungen, Schwangerschaft und Zeit nach der Geburt, Wechseljahre, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologische Erkrankungen, chronische Schmerzen sowie bestimmte gynäkologische oder urologische Krankheiten.
Auch Operationen und Medikamente können die sexuelle Funktion verändern. Die American College of Obstetricians and Gynecologists nennt unter anderem bestimmte Medikamente gegen Depressionen sowie einige Herz- und Blutdruckmedikamente als mögliche Auslöser sexueller Beschwerden.
Mindestens ebenso wichtig können psychische und partnerschaftliche Faktoren sein. Stress, Angst, Depressionen, Probleme mit dem eigenen Körperbild, belastende sexuelle Erfahrungen, Schuldgefühle, kulturelle Vorstellungen über Sexualität und Konflikte innerhalb der Partnerschaft können Verlangen, Erregung oder sexuelle Zufriedenheit beeinflussen.
Deshalb reicht es insbesondere bei vermindertem sexuellem Verlangen häufig nicht aus, ausschließlich Hormonwerte zu betrachten.
Mythen über Sexualität können professionelle Hilfe verzögern
Ein weiteres Problem sind verbreitete gesellschaftliche Vorstellungen über Sexualität.
Aussagen wie „Sexualität endet ab einem bestimmten Alter“, „Ein Mann muss immer bereit für Sex sein“ oder „Sexuelle Probleme verschwinden irgendwann von selbst“ können dazu führen, dass Betroffene ihre Beschwerden über längere Zeit verschweigen.
Auch Scham spielt eine wichtige Rolle. Gerade sexuelle Beschwerden werden häufig nicht spontan bei einer ärztlichen Untersuchung angesprochen. ACOG weist darauf hin, dass sexuelle Funktionsstörungen relativ verbreitet sind, viele Betroffene das Thema aber nicht von sich aus mit medizinischem Fachpersonal besprechen.
Mutlu betont deshalb, dass eine sexuelle Funktionsstörung nicht als persönliches Versagen verstanden werden sollte.
Eine offene Besprechung kann vielmehr helfen, mögliche Ursachen voneinander zu unterscheiden. So kann beispielsweise eine schmerzhafte Sexualität sowohl mit gynäkologischen Erkrankungen als auch mit mangelnder Erregung, psychischer Anspannung oder früheren negativen Erfahrungen zusammenhängen.
Diagnostik sollte individuell und ohne Bewertung erfolgen
Der wichtigste erste Schritt besteht nach Angaben der Fachärztin darin, dass Betroffene ihre Beschwerden in einer sicheren und nicht wertenden Umgebung schildern können.
Dabei geht es nicht nur um die sexuelle Vorgeschichte. Auch allgemeiner Gesundheitszustand, Medikamente, hormonelle Faktoren, psychische Belastungen, Beziehungssituation und persönliche Vorstellungen über Sexualität können für die Beurteilung relevant sein.
Je nach Beschwerde können gynäkologische oder urologische Untersuchungen sowie Laboranalysen notwendig sein. Bei Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs empfiehlt auch ACOG eine medizinische Untersuchung, insbesondere wenn die Beschwerden häufig oder stark auftreten, um mögliche gynäkologische Ursachen auszuschließen.
Manche Fälle erfordern darüber hinaus die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Neben Gynäkologie oder Urologie können Psychiatrie, Psychologie oder Sexualtherapie einbezogen werden.
Wichtig ist, die Behandlung nicht allein an einem einzelnen Symptom auszurichten, sondern zu klären, welche Faktoren die Beschwerden im konkreten Fall auslösen oder verstärken.
Behandlung reicht von medizinischer Therapie bis Paarberatung
Eine einheitliche Therapie für alle sexuellen Funktionsstörungen gibt es nicht.
Je nach Ursache können medizinische Maßnahmen, hormonelle Behandlungen, psychotherapeutische Verfahren, Sexualtherapie oder Paartherapie infrage kommen. Häufig werden unterschiedliche Ansätze miteinander kombiniert.
Auch offizielle gynäkologische Empfehlungen sehen unterschiedliche Therapiewege vor: Bei vaginaler Trockenheit können beispielsweise andere Maßnahmen erforderlich sein als bei Schmerzen, Schwierigkeiten mit Penetration, vermindertem Verlangen oder einer psychisch beziehungsweise partnerschaftlich bedingten Problematik.
Bei männlichen Funktionsstörungen richtet sich die Behandlung ebenfalls nach der konkreten Diagnose. Die aktuellen Leitlinien der European Association of Urology unterscheiden unter anderem zwischen Erektionsstörungen und verschiedenen Ejakulationsstörungen und sehen je nach Ursache medikamentöse und psychologische beziehungsweise verhaltensorientierte Ansätze vor.
Mutlu warnt deshalb vor der Erwartung, dass eine einzelne Behandlung für jeden Menschen gleichermaßen geeignet sein könne.
Sexuelle Probleme können auch Selbstwert und Beziehung belasten
Sexuelle Funktionsstörungen betreffen häufig nicht nur das Sexualleben.
Wenn Beschwerden über längere Zeit bestehen, können sie sich auch auf Selbstvertrauen, Körperbild und emotionales Wohlbefinden auswirken. Hinzu kommen mögliche Missverständnisse zwischen Partnern, wenn das Problem nicht angesprochen wird.
Eine Person mit vermindertem sexuellen Verlangen kann sich beispielsweise unter Druck gesetzt fühlen, während der Partner den Rückzug möglicherweise als persönliche Ablehnung interpretiert. Schmerzen beim Geschlechtsverkehr können wiederum dazu führen, dass Sexualität zunehmend vermieden wird.
Auch Beziehungsprobleme selbst können sexuelle Beschwerden verstärken. Medizinische Fachgesellschaften nennen deshalb die Partnerschaft ausdrücklich als einen Faktor, der bei der Diagnostik sexueller Probleme berücksichtigt werden sollte.
Eine frühzeitige offene Kommunikation kann verhindern, dass sich körperliche Beschwerden und emotionale Konflikte gegenseitig verstärken.
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Eine fachärztliche oder therapeutische Abklärung ist insbesondere dann sinnvoll, wenn sexuelle Beschwerden wiederholt auftreten und für die betroffene Person belastend sind.
Dazu gehören beispielsweise ein deutlich vermindertes sexuelles Verlangen, wiederkehrende Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Schwierigkeiten mit Penetration, anhaltende Orgasmusprobleme, Erektionsstörungen oder belastende Probleme bei der Ejakulation.
Bei häufigen oder starken Schmerzen empfiehlt ACOG ausdrücklich eine medizinische Untersuchung.
Mutlu fasst den Ansatz so zusammen: Nicht die bloße Existenz eines bestimmten Symptoms entscheidet darüber, ob eine Behandlung notwendig ist. Ausschlaggebend sind Dauer, persönliche Belastung, mögliche körperliche Ursachen und die Auswirkungen auf Beziehung und Lebensqualität.
Sexuelle Gesundheit ist damit Teil der allgemeinen Gesundheit. Wer wiederkehrende Beschwerden erlebt, sollte sie weder aus Scham verschweigen noch vorschnell als „normal“ akzeptieren. Eine individuelle Abklärung kann helfen, behandelbare Ursachen zu erkennen und einen passenden Weg für die betroffene Person oder das Paar zu entwickeln.
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