Ukraine trifft Wildberries: Sieben der zehn größten Lager außer Betrieb
Nach Angaben der Ukraine wurden sieben der zehn größten Wildberries-Lager getroffen. Kiew will russische Logistik und Militärversorgung schwächen.
Von Ahmet Taş | Wise News Press
KIEW, UKRAINE —
Die Ukraine hat nach eigenen Angaben sieben der zehn größten Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries innerhalb weniger Wochen außer Betrieb gesetzt und damit ihre Angriffe auf wirtschaftliche und logistische Ziele tief im russischen Hinterland ausgeweitet.
Nach einem Bericht von Euronews Türkçe berufen sich die Angaben auf das ukrainische Verteidigungsministerium und das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW). Die Angriffswelle begann demnach im Juli und richtete sich inzwischen gegen Wildberries-Einrichtungen in mehreren Teilen Russlands – von der Region Moskau über St. Petersburg bis in den Ural.
Wildberries bestätigte zumindest einzelne Angriffe und erklärte, nach einem Treffer auf ein Lager in Domodedowo Lieferketten umleiten zu müssen. Die Angaben der ukrainischen Seite über die Zahl der vollständig außer Betrieb gesetzten Lager konnten anhand der vorliegenden Informationen jedoch nicht unabhängig bestätigt werden.
Sieben der zehn größten Logistikzentren sollen getroffen worden sein
Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte am Wochenende, seine Streitkräfte hätten das größte Lager von Wildberries angegriffen.
Nach Angaben im Euronews-Bericht handelt es sich um einen rund 250.000 Quadratmeter großen Logistikkomplex im Industriepark Koledino bei Podolsk in der Region Moskau. Die Anlage liegt etwa 420 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Seit Beginn der Angriffe im Juli seien insgesamt sieben große Logistikzentren des Unternehmens getroffen und funktionsunfähig gemacht worden, heißt es unter Berufung auf ukrainische Stellen und das ISW.
Die Angriffe zeigen zugleich, dass ukrainische Drohnen und andere weitreichende Systeme zunehmend Ziele erreichen, die deutlich außerhalb der unmittelbaren Kampfzone liegen.
Wildberries gehört zu den größten privaten Unternehmen Russlands und verfügt über ein weit verzweigtes Netz aus Logistikzentren, Verteilern und Abholstationen.
Auch ein Lager in Domodedowo wurde getroffen
In derselben Nacht soll außerdem ein weiteres Wildberries-Lager im nahe gelegenen Domodedowo angegriffen worden sein.
Wildberries bestätigte laut Euronews, dass es dort zu einem Brand gekommen sei. Das Unternehmen habe daraufhin Teile seiner Lieferketten auf andere Standorte verlagert.
Die Angriffe auf mehrere Logistikzentren innerhalb kurzer Zeit können für ein Unternehmen dieser Größenordnung erhebliche operative Folgen haben. Große Lager dienen nicht nur als Zwischenstationen für Waren, sondern auch als zentrale Punkte für Sortierung, Verteilung und den Weitertransport in verschiedene Regionen.
Wird ein solcher Standort beschädigt oder vorübergehend geschlossen, müssen Warenströme auf andere Logistikzentren verteilt werden. Das kann Lieferzeiten verlängern und zusätzliche Kosten verursachen.
Warum Kiew Wildberries als militärisch relevantes Ziel betrachtet
Die ukrainische Führung begründet die Angriffe nicht allein mit der wirtschaftlichen Bedeutung des Unternehmens.
Nach Darstellung Kiews liefert Wildberries neben Konsumgütern auch Produkte, die für die russischen Streitkräfte verwendet werden könnten. Dazu zählen dem Bericht zufolge unter anderem Komponenten für Drohnen sowie Navigationsausrüstung.
Die Ukraine betrachtet die Logistikplattform deshalb nach eigenen Angaben als Teil eines breiteren Versorgungssystems, das auch für militärische Zwecke genutzt werde.
Wildberries ist in erster Linie ein kommerzieller Onlinehändler. Die ukrainischen Behauptungen über die konkrete Bedeutung einzelner Lager für militärische Lieferketten werden im vorliegenden Bericht nicht unabhängig belegt.
Das ukrainische Vorgehen folgt allerdings einer bereits länger erkennbaren Strategie: Kiew greift zunehmend Infrastruktur in Russland an, die aus ukrainischer Sicht wirtschaftliche, industrielle oder militärische Bedeutung besitzt.
Dazu gehören neben Produktionsanlagen auch Raffinerien, Treibstofflager, Transportinfrastruktur und Logistikzentren.
Angriffswelle reicht von Moskau bis in den Ural
Nach Angaben von Euronews begann die aktuelle Angriffswelle gegen Wildberries am Wochenende des 18. Juli.
Damals seien Einrichtungen in Elektrostal östlich von Moskau sowie in der Region Tambow getroffen worden.
Später habe sich die Serie auf weitere Regionen ausgeweitet. Genannt werden unter anderem Ziele in und um Moskau, St. Petersburg, im Süden Russlands sowie im Ural.
Besonders weit von der ukrainischen Grenze entfernt liegt Jekaterinburg. Die Stadt befindet sich mehr als 2.000 Kilometer vom ukrainischen Staatsgebiet entfernt.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP wurden im Verlauf der Angriffe bislang etwa 20 Einrichtungen von Wildberries als Ziele ausgewählt.
Das ISW sieht darin auch ein strukturelles Problem für die russische Luftverteidigung. Nach Einschätzung des Instituts verfügt Russland nicht über genügend Flugabwehrsysteme, um gleichzeitig sämtliche wichtigen wirtschaftlichen und militärischen Anlagen im riesigen Staatsgebiet zu schützen.
Damit müsse Moskau Prioritäten setzen, welche Objekte mit besonders leistungsfähigen Luftverteidigungssystemen gesichert werden.
Wildberries spielt Schlüsselrolle im russischen Onlinehandel
Die wirtschaftliche Bedeutung von Wildberries reicht weit über den klassischen Onlinehandel hinaus.
Das Unternehmen wird wegen seiner Marktstellung häufig mit Amazon verglichen. Nach den im Euronews-Bericht genannten Zahlen liegt der jährliche Umsatz bei etwa 70 bis 75 Milliarden Euro.
Verschiedene Schätzungen setzen diese Größenordnung in Relation zu mehr als zwei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.
Wildberries soll zudem rund die Hälfte der Onlinebestellungen in Russland abwickeln. Über die Plattform verkaufen Hunderttausende Händler ihre Waren an Kunden in einem Land, das sich über elf Zeitzonen erstreckt.
Die Bedeutung der Plattform nahm nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine weiter zu. Zahlreiche westliche Unternehmen reduzierten ihre Aktivitäten in Russland oder verließen den Markt vollständig. Dadurch gewannen heimische Handelsplattformen zusätzliche Marktanteile.
Ein Ausfall größerer Wildberries-Zentren kann deshalb nach Einschätzung ukrainischer Stellen nicht nur das Unternehmen selbst treffen, sondern auch Händler, Lieferdienste und Verbraucher.
Ukraine will auch Banken und Lieferketten unter Druck setzen
Ukrainische Vertreter verfolgen mit den Angriffen nach eigenen Angaben mehrere Ziele.
Neben einer Unterbrechung möglicher militärischer Lieferketten soll auch wirtschaftlicher Druck auf Wildberries und sein Umfeld entstehen.
Besonders genannt werden dabei die russischen Banken VTB und Sberbank. Nach Angaben im Euronews-Bericht sollen sie Wildberries Kredite in einer Größenordnung von etwa 13 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt haben.
Ukrainische Stellen argumentieren, dass größere wirtschaftliche Probleme des Handelskonzerns dadurch auch dessen Gläubiger und weitere Teile des russischen Finanzsystems belasten könnten.
Kiew verbindet seine Angriffe demnach mit dem Ziel, nicht nur direkte militärische Versorgungsketten zu treffen, sondern auch die Kosten des Krieges innerhalb Russlands stärker spürbar zu machen.
Ob sich daraus tatsächlich eine breitere finanzielle Krise entwickeln könnte, bleibt offen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hängen unter anderem davon ab, wie schnell beschädigte Logistikzentren ersetzt oder repariert werden können und in welchem Umfang Wildberries Warenströme auf andere Standorte verlagern kann.
Die Angriffe zeigen jedoch, dass sich der Krieg zunehmend auf russische Wirtschafts- und Logistikstrukturen weit entfernt von der Front auswirkt. Für Moskau entsteht damit zusätzlich zur Verteidigung militärischer Anlagen die Aufgabe, auch bedeutende zivile Infrastruktur und Handelszentren gegen weitreichende ukrainische Angriffe zu schützen.
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