Deutschland bereitet Kliniken auf möglichen NATO-Bündnisfall vor
Deutschland überprüft Kliniken, Personal und Medikamentenvorräte für einen möglichen Bündnisfall, bei dem täglich bis zu 1.000 Verwundete versorgt werden müssten.
Von Ahmet Taş | Wise News Press
BERLIN, DEUTSCHLAND — Deutschland überprüft seine medizinische Infrastruktur für einen möglichen Bündnis- oder Verteidigungsfall, in dem neben Militärkrankenhäusern auch zivile Kliniken große Zahlen Verwundeter aufnehmen müssten.
Nach dem zugrunde liegenden Bericht rechnet die Bundeswehr in einem schweren Konfliktszenario mit bis zu 1.000 verwundeten Soldaten pro Tag, die zur Behandlung nach Deutschland gebracht werden könnten. Dabei geht es nicht um eine Prognose, dass ein Krieg mit Russland unmittelbar bevorsteht, sondern um Planungen für einen möglichen NATO-Bündnisfall und andere großflächige Krisen.
Bundeswehr plant mit bis zu 1.000 Verwundeten am Tag
Die medizinische Versorgung gilt als einer der zentralen Bereiche der deutschen Verteidigungs- und Krisenvorsorge. Die fünf bestehenden Bundeswehrkrankenhäuser könnten bei einem lang andauernden Konflikt ihre Kapazitätsgrenzen schnell erreichen.
Deshalb sollen im Ernstfall auch zivile Universitätskliniken, Traumazentren und regionale Krankenhäuser in die Versorgungskette eingebunden werden.
Dem Bericht zufolge könnte Deutschland aufgrund seiner geografischen Lage eine wichtige Drehscheibe für die Behandlung verwundeter Soldaten aus verschiedenen NATO-Staaten werden. Verletzte würden nach der Erstversorgung aus einem möglichen Einsatzgebiet nach Deutschland transportiert und anschließend auf geeignete Kliniken verteilt.
Damit würde sich für das Gesundheitssystem eine Aufgabe ergeben, die weit über die Versorgung nach einzelnen Terroranschlägen, schweren Verkehrsunfällen oder Naturkatastrophen hinausginge.
Benedikt Friemert, Chefarzt und Kommandeur des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, wird in dem Bericht mit der Einschätzung zitiert, dass das deutsche Gesundheitswesen auf eine derartige Belastung derzeit noch nicht vollständig vorbereitet sei.
„Ist unser Gesundheitssystem darauf vorbereitet? Die einzige Antwort lautet: Nein. Deshalb liegt noch ein langer Marathon vor uns.“
Bunker unter dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm rückt wieder in den Fokus
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Bundeswehrkrankenhaus im baden-württembergischen Ulm.
Unter den heutigen Klinikgebäuden befindet sich dem Bericht zufolge eine unterirdische Anlage aus dem Kalten Krieg. Der 1979 errichtete Bereich sei ursprünglich dafür ausgelegt worden, im Fall eines nuklearen oder großflächigen Angriffs Schutz und medizinische Versorgung zu ermöglichen.
Die Anlage soll für bis zu 2.000 Menschen ausgelegt worden sein. Über Jahrzehnte spielte sie im Klinikalltag praktisch keine Rolle.
Angesichts der veränderten Sicherheitslage wird nun geprüft, ob und in welchem Umfang solche geschützten Bereiche wieder nutzbar gemacht werden könnten. Dafür wären voraussichtlich umfangreiche technische Arbeiten an Belüftung, Energieversorgung, medizinischer Infrastruktur und Kommunikation notwendig.
Auch andere Kliniken untersuchen nach Angaben des Berichts, welche vorhandenen Gebäudeteile im Krisenfall umfunktioniert werden könnten. An der Universitätsklinik Ulm werde beispielsweise geprüft, ob unterirdische Bereiche wie Tiefgaragen zeitweise als geschützte Versorgungsräume dienen könnten.
Fachkräfte für schwere Kriegsverletzungen fehlen
Mehr Krankenhausbetten allein würden das Problem nicht lösen.
Eine der größten Herausforderungen ist nach Einschätzung von Medizinern die begrenzte Zahl von Fachkräften, die umfangreiche Erfahrung mit Schuss-, Explosions- und komplexen Kriegsverletzungen besitzen.
Solche Verletzungen können sich deutlich von typischen Fällen in deutschen Notaufnahmen unterscheiden. Mehrere schwer verletzte Patienten müssten möglicherweise gleichzeitig behandelt werden, während Blutprodukte, Operationskapazitäten und Intensivbetten nur begrenzt verfügbar wären.
Die Bundeswehr arbeitet deshalb mit zivilen medizinischen Fachgesellschaften zusammen. Genannt wird unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie, die spezielle Trainings für zivile Chirurgen anbietet.
Sascha Flohé, Generalsekretär der Fachgesellschaft, erinnert dem Bericht zufolge daran, dass solche Programme ursprünglich unter völlig anderen Sicherheitsannahmen entwickelt worden seien. Als entsprechende Konzepte 2017 entstanden, hätten viele Fachleute eher Terroranschläge als einen möglichen großflächigen europäischen Krieg im Blick gehabt.
Heute sei das Interesse an praktischen Kursen deutlich größer, während die Zahl verfügbarer Ausbildungsplätze begrenzt bleibe.
Medikamente, Blutprodukte und Lieferketten werden zum Risikofaktor
Neben Personal und Klinikbetten richtet sich der Blick zunehmend auf die medizinische Versorgungskette.
Deutschland ist wie andere europäische Staaten bei bestimmten Wirkstoffen und pharmazeutischen Vorprodukten auf internationale Lieferungen angewiesen. Ein längerer Krieg oder eine andere schwere Krise könnte Transportwege unterbrechen und die Beschaffung von Antibiotika, Schmerzmitteln oder anderen wichtigen Arzneimitteln erschweren.
Auch die bisher stark auf Effizienz ausgerichtete „Just-in-time“-Logistik könnte im Krisenfall an Grenzen stoßen.
Der Aufbau größerer strategischer Reserven ist jedoch aufwendig. Besonders Blut, Plasma und Gerinnungsprodukte müssen unter kontrollierten Bedingungen beschafft, gelagert und regelmäßig erneuert werden.
Annegret Wittig-Höffer vom Pharmaunternehmen CSL wird in dem Bericht mit der Warnung zitiert, dass große Zahlen schwer Verwundeter schnell zu Engpässen führen könnten, wenn zentrale Blutgerinnungsprodukte nicht ausreichend verfügbar wären.
Eine zusätzliche Herausforderung ist das Personal. Beschäftigte aus Logistik, Gesundheitswesen oder Biotechnologie könnten selbst als Reservisten benötigt werden oder freiwillig andere Aufgaben übernehmen. Dadurch könnten ausgerechnet jene Strukturen geschwächt werden, die für die Versorgung besonders wichtig sind.
Deutschland untersucht Erfahrungen aus der Ukraine
Deutsche Fachleute orientieren sich bei ihren Vorbereitungen auch an den Erfahrungen des ukrainischen Gesundheitssystems seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022.
Im Bericht beschreibt die Kiewer Anästhesistin und Professorin Kateryna Belka, wie ukrainische Krankenhäuser ihre Abläufe an die Realität regelmäßiger Angriffe anpassen mussten.
Patienten seien teilweise in tiefere Stockwerke verlegt worden. Fenster mussten gegen Splitter geschützt, Nebenräume zu Behandlungsbereichen umfunktioniert und Notstromaggregate bereitgestellt werden, damit Operationen auch bei Angriffen auf die Energieinfrastruktur fortgesetzt werden konnten.
Diese Erfahrungen zeigen aus Sicht deutscher Planer, dass die Widerstandsfähigkeit eines Krankenhauses nicht allein von Ärzten, Operationssälen und Betten abhängt.
Auch Strom, Wasser, Kommunikation, IT-Systeme, Medikamentenversorgung und sichere Transportwege müssen über längere Zeit funktionieren.
Die Vorbereitung umfasst deshalb zunehmend auch Cyberangriffe. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben deutsche Behörden mehrfach vor hybriden Bedrohungen und Angriffen auf kritische Infrastruktur gewarnt. Krankenhäuser gelten dabei wegen ihrer Abhängigkeit von digitalen Systemen als besonders sensible Einrichtungen.
Zivile und militärische Medizin sollen enger zusammenarbeiten
Ein großflächiges Krisenszenario würde eine enge Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Ländern, Rettungsdiensten und zivilen Krankenhäusern erfordern.
Dazu gehört die Frage, welche Klinik zu einem bestimmten Zeitpunkt über freie Operationssäle, Intensivbetten, Blutprodukte und geeignetes Fachpersonal verfügt.
Im normalen Krankenhausbetrieb werden solche Daten nicht überall in einem zentralen System zusammengeführt. Im Verteidigungsfall müsste jedoch sehr schnell entschieden werden, wohin Hunderte oder sogar Tausende Patienten transportiert werden können.
Gleichzeitig müsste die normale Versorgung der Zivilbevölkerung weiterlaufen.
Das könnte schwierige Entscheidungen notwendig machen. Kliniken müssten beispielsweise sicherstellen, dass Notfallpatienten, Krebskranke, Menschen mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen weiterhin behandelt werden, während gleichzeitig eine große Zahl verwundeter Soldaten eintrifft.
Udo Kaisers, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Ulm, betont laut dem Bericht deshalb die gesellschaftliche Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitswesens. Die Fähigkeit, auch unter schweren Krisenbedingungen medizinische Versorgung zu gewährleisten, könne sich unmittelbar auf Vertrauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken.
Gesundheitssicherstellungsgesetz soll Strukturen verbessern
Die Bundesregierung arbeitet zudem an einem neuen rechtlichen Rahmen für die medizinische Krisenvorsorge.
Ein geplantes Gesundheitssicherstellungsgesetz soll nach den bisherigen Überlegungen helfen, Krankenhäuser, Behörden und andere Einrichtungen im Krisenfall besser miteinander zu vernetzen.
Zentrale Fragen sind dabei unter anderem:
- verfügbare Krankenhaus- und Intensivbetten,
- Medikamenten- und Materialbestände,
- medizinisches Personal,
- Transportmöglichkeiten,
- Blut- und Plasmavorräte,
- Energieversorgung und
- Zusammenarbeit mit der Bundeswehr.
Die Umsetzung ist jedoch komplex, weil das deutsche Gesundheitswesen stark dezentral organisiert ist und Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Kommunen und verschiedenen Trägern verteilt sind.
Vorbereitung bedeutet nicht, dass ein Krieg bevorsteht
Die beschriebenen Maßnahmen sollten nicht mit der Aussage gleichgesetzt werden, Deutschland habe beschlossen, gegen Russland Krieg zu führen.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat wiederholt auf langfristige Risiken für die europäische Sicherheit hingewiesen und gefordert, Deutschland müsse verteidigungsfähig werden. Militärische und zivile Krisenplanung arbeitet deshalb bewusst mit schweren Szenarien, auch wenn unklar ist, ob diese jemals eintreten.
Die Annahme von bis zu 1.000 Verwundeten täglich ist in diesem Zusammenhang vor allem ein Belastungsszenario für Infrastruktur und Logistik.
Ziel der Planungen ist es, dass Deutschlands Gesundheitsversorgung bei einem Bündnisfall, einem großflächigen Angriff oder einer anderen schweren Krise möglichst lange funktionsfähig bleibt.
Die Wiederbewertung alter Schutzanlagen, zusätzliche Ausbildung von Ärzten, größere Reserven und eine engere Vernetzung zwischen ziviler und militärischer Medizin sind Teil dieses Vorsorgekonzepts.
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